Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Judenfrage. 61 von einem Wertdes Judentums gesprochen. Man schafft sich Ideologien. Und von 20 Büchern über Judentum werden sicher 10 bewußt oder unbewußt eine ähnliche Genesis zeigen. Wer aber von der gleichen Warte das Thorajudentum betrachten will, macht sich eines schweren sachlichen Irrtums schuldig. Die Thora ist (Orthodoxie) kein Lösungsversuch der Judenfrage, höchstens die Antwort auf die ewige Menschheitsfrage, wenn man will. Was man unter Judenfrage hier versteht dringt ja kaum durch die überdache unseres ganzen jüdischen Seins, und manch eine ״unergründliche Problematik“ verliert hier völlig ihren Gegenstand. Das nimmt einem Pogrom natürlich nichts von seiner Schrecklichkeit — das erschüttert genau so unser jüdisches Herz, wenn es auch nicht zum Grundstein unserer Weltanschauung wird. Und Judenfragen praktischer, politischer Natur gibt es auch für uns noch in reichlichem Maße zu lösen. Dies äußerliche Forschen und Spähen teilt ein Buch, dessen Niveau sonst weit über dem Durchschnitt der jüdischen Literatur steht *־ ״Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem44 von Dr. Siegbert Feuchtwanger, München (Carl Heymanns Verlag Berlin 1916). Unter der Fülle von Schriften über die Judenfrage, denen der Krieg die Feder geführt, verdient diese Broschüre sicherlich besondere Beachtung. Schon um der Gründlichkeit und Praezision 1willen, mit der es auch den Fremden orientiert. Darüber hinaus ist es die Klarheit und Sachlichkeit der Darstellung, vor allem die Originalität der Problemsteilung, die diese Schrift in die erste Reihe rückt. Was der Autor will, ist nicht mehr und weniger als eine Erkenntnistheorie der ״Judenfrage■4. (Der Vergleich mit Kant kehrt dreimal wieder). Ob ihm das geglückt ist, bleibe dahingestellt. Jedenfalls ist das Buch reich an Anregungen mannigfachster Art. Wir wollen zunächst seinem Gedankengange folgen. . ״Ein unüberwindliches Chaos“ mit diesem Eindruck begleitet und verläßt ganz nach der Absicht des Autors der Leser die jüdische Chronik, die der Veri. der Abhandlung vorausgeschickt und die die jüd. Tagesereignisse der letzten Jahre wiederspiegelt. Woher dieses Chaos, wie ist es zu erklären? — Aus der völlig ungenügenden wissenschaftlichen Durcharbeitung der Materie, antwortet uns Feuchtwanger. Daran schließt sich folgerichtig eine Kritik der jüd. Wissenschaft. Nicht ihrer quantitativen Leistungen. Nein, die sind nur allzu stattlich. Die Methode fällt dem scharfen Messer der Kritik zürn Opfer. Was ist denn jüdische Geschichte seit dem 2. Exil? Eine Marterchronik in weinerlichem, vorwurfsvollen Tone vorgetragen, mit steter apologetischer Tendenz.