Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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54 Das Lied vom wackeren Weib. Dieser Hymnus auf das wackere Weib gehört längst der Weltliteratur an. Bekannt ist, daß Herder, um nur die deutschen Klassiker zu nennen, ihn hoch genug einschätzte, um ihn in formvollendeter deutscher Nachdichtung wiederzugeben, und ebenso bekannt dürfte das freundliche Urteil sein, das Goethe für ihn fand. Aber nicht beachtet hat man, daß auch die folgenden Strophen aus Schillert Lied von der Glocke ,,Und drinnen waltet Die züchtige Hausfrau . . . Und reget ohn? Ende Die fleißigen Hände, Und mehrt den Gewinn Mit ordnendem Sinn, Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden, Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden, Und sammelt in reinlich geplättetem Schrein Die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein Und fügt zum Guten den Glanz und den Schimmer, Und ruhet nimmer.“ so deutlich den Einfluß jenes Gedichts verraten, daß man sie fast als eine Paraphrase desselben ansprechen kann. Und der Berufensten einer, Franz Delitzsch faßt in seinem biblischen.Commentar sein Urteil in die Worte zusammen: ״Ein solcher Frauenspiegel findet sich sonst nirgends“'. Aber, so hoch verdientermaßen auch nach Form und Inhalt der dichterische Wert dieses ״Frauenspiegels“ eingeschätzt werden mag, so bereitet andererseits dieser Inhalt der Erklärung doch eine große Schwierigkeit. Wie kommt — so muß man fragen — gerade der Verfasser des Koheietbuchs, der Gatte der Pharaostochter dazu, das Lob der züchtigen und tüchtigen Hausfrau zu künden? Aber es bedarf gar nicht einmal des Hinweises auf die weibesfeindlichen Aussprüche aus Koheiet; im Spruchbuch selbst fehlt es wahrlieh nicht an heftigem, schweren Tadel des treulosen, unzüchtigen Weibes, an Warnungen vor ihrer Verführungskunst..