Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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IO Erziehungsfragen in Ost und West. stehenden und experimentell zu Ergründenden heißt es: du sollst die Vernunft anrufen; in der Welt, die darüber hinausliegt: auf deine Vernunft stütze dich nicht! Das Ergebnis ist nicht neu. Glauben und Wissen sind in Wirklichkeit keine Gegensätze, es sind zwei Kreise die auseinander liegen und sich an keinem Punkte schneiden. Ist dem wirklich so? Wenn dem so wäre, dann wäre alles in bester Ordnung und aller Streit wäre begraben. Und in der Theorie ist dem gewiß so. Denn was wirklich Wissen ist, d. h. unumstößliche Tatsache, das kann nicht vom Glauben geleugnet werden. Und was ein integrierender Teil unseres Glaubens ist, das darf nicht durch eine wissenschaftliche Tatsache zu widerlegen sein. Aber eben darüber ist ja in zwiefacher Beziehung der Streit, was Wissenschaftliehe Tatsache und nur Hypothese und Vermutung und was andrerseits integrierender Bestandteil des Glaubens oder Beiwerk und vereinzelte Ansicht ist. Auf der einen Seite: in der Naturwissenschaft die geologischen Schichten oder in der Philologie charakteristische Spracheigentümlichkeiten eines bestimmten Buches als unzweifelhaft gesichertes Tatsachen»- material angesehen. Auf der anderen Seite, um auf das Beispiel zurückzugreifen, das wir oben erwähnt, von einem Führer unter den Erklärern des Talmuds wie dem Mahrscha die buchstäbliche Auffassung einer Agada als religiös verbindliche Wahrheit verkündet1)• Das Judentum, wir meinen natürlich nur das gesetzestreue, denn das liberale ist hier identisch mit der liberalen ב) Wir wollen nicht mißverstanden werden. Wir wollen keinem das Recht absprechen, diese und ähnliche Agadas wörtlich zu nehmen. Kein geringerer als R. Salomo ben Adereth hat in einer ganz ausgezeichneten philosophischen Erörterung auszuführen versucht, inwiefern di« wörtliche Auffassung nicht in Widerspruch steht zu einer hohen Anschauung von der Art des Lohnes im Jenseits (abgedruckt in den חדרפזי אגדות zur Lemberger Talmudausgabe). Was festgestellt werden muß, ist nur das: Hat der Marhscha für den Gesamtgeist des gesetzestreuen Judentums die dogmatische Forderung auszusprechen: ״Wisse, daß wir alle diese Dinge nach dem einfachen Wortsinn zu glauben haben“.