Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292969-2292971--01864-2295126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erziehungsfragen in Ost und West. Rationalismus gegenüber das böse Wort aussprechen: Wenn sie denken, müssen sie zu glauben aufhören und wenn sie glauben, dann denken sie nicht. Glauben und Wissen sollen im einzelnen Menschen sich harmonisch einen und versöhnen. Absolut als Wissenschaft und Religion betrachtet sind sie unversöhnliche Gegensätze. Wie die Religion den ganzen Menschen für sich in Beschlag nimmt כי זה כל האדם, so will auch die Wissenschaft, heute so gut, wie zur Zeit des Aristoteles, eine gesamte Weltanschauung bieten. Die Metaphysik wird perhorresciert und die Ignorabimus werden verkündet, aber nur das Wort sind wir los, die Sache ist geblieben. Und so wird es bleiben, so lange es überhaupt eine von großen Gesichtspunkten betriebene Wissenschaft gibt. Das wissenschaftliche Denken ist eine mit innerer Triebkraft ausgestattete Funktion, die Wissenschaft ein lebendiger Organismus, sie will sich ausleben, ihre Wurzeln in die Tiefe senden, ihre Zweige in den Himmel strecken. ״Viele Erschlagene bedecken ihre Wahlstatt, ein großes Leichenfeld läßt sie hinter sich“ (Prov. 7, 26) hat man von der Wissenschaft gesagt. Aber sie sind nicht Räuber und Mörder die Männer der Wissen- Schaft, die ein Vergnügen daran haben, ihren Mitmenschen das fromme Bewußtsein zu rauben, in ihnen den Glauben zu erwürgen, sie haben es wohl selbst tief empfunden, daß Leiden der Seele und Schmerzen im zerrissenen Herzen die Folge wissenschaftlicher Forschungen sind (Koh. I 18). Aber sie denken nur zu Ende, weil sie müssen, weil eine innere Unruhe sie treibt, zum Abschluß zu kommen, die letzte Formel zu finden, die alle Erscheinungen des Natur- und Geisteslebens, wie sie sie begreifen in einer Einheit zusammenfaßt. Aber deshalb muß sich die absolute Wissenschaft, die sich ernstlich und allein auf die Vernunft stützt, im Gegensatz zum Glauben stellen d. h. zum Glauben aller positiven Religionen. Denn sie selbst hat natürlich auch einen Glauben, und das Emjpfinden ihrer Jünger ist oft ein sehr inniges und lebendiges. Nur daß dies Einpfinden und dieser Glaube seine Sanktion vom Denken und 43*