Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 11 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 615 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Achad Haam und das gesetzestreue Judentum. 615 seine Anschauung dem Judentum unterlegen und dort, wo er eine Versteinerung des Herzens sieht, dies im Namen des Judentums konstatieren. Nichts bezeichnender als daß er den Satz: אל יאמר אדם אי אפשי אלא אפשי man darf nicht sagen, wenn es sich um die Befolgung der Verbote handelt: ״ich will das und das nicht, sondern ich möchte wohl, aber Gott hat es mir ja verboten“, ein Satz, der ein Angelpunkt der jüdischen Auffassung des Pflichtenlebens ist, ebenfalls als charakteristisch für die ״Versteinerung des Herzens“ beibringt22a). Diese Unter- Ordnung unter Gottes Gebot, dies Moment des Gehorsams in allen Lagen des Lebens, diese freiwillige Hingabe auch des ״Herzens“ ist ja eben das, was das Judentum vom Christentum vor allem vom Protestantismus scheidet. Achad Haam hat es selbst oft ausgesprochen, daß dem Juden eine doppelte Arbeit zufällt. Er meint selbst, daß das jüdische Kind es besonders schwer hat, indem ihm neben der Aufnahme der allgemeinen Bildung, die ihn für den Kampf ums Dasein stählen soll, auch die Kenntnis der so umfassenden jüdischen Literatur vermittelt werden muß22b). Gilt das nur von der intellektuellen Arbeit? Nein, viel, viel mehr noch von der Pflichtenübung gilt der Satz, daß es niemals leicht war, ein Jude zu sein. . II. Wir sahen, daß Achad Haam in seiner Stellungnahme gegenüber dem überlieferten Judentum in vielen Punkten sich mit den Anschauungen und Forderungen des jüdischen Liberalismus berührt. Und dennoch ist wie allbekannt ein himmel־ weiter Unterschied zwischen beiden, haben wenige unter den: Gesetzestreuen die Vorkämpfer des liberalen Judentums so oft und so scharf gegeißelt, wie Achad Haam. Es sind zwei 22a) A. S. I S. 100. Vgl. Jeschurun III S. 538 und 544, wo wir über die Bedeutung dieses Ausspruches gehandelt und auch die Erörterung des Maimonides über ihn bringen, der ihn sich durchaus zu eigen macht. Der Satz stammt übrigens aus dem Sifra, also aus der Zeit der Tannaim, wo doch auch nach Achad Haam jene ״Versteinerung״ sich nicht geltend machte. 22 b) A. P. D. IV S. 139.