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Jeschurun · 1916-11-01 · Heft 11 (November 1916) · p. Seite 614

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 11 (November 1916)
Date
1916-11-01
Page
Seite 614 (sequence 24)
Language
German
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614 Achad Haam und das gesetzestreue Judentum. ist, wenn der Mann sich weigert, in die Scheidung zu willigen, wenn die Frau einen Ehebruch begeht und der Gatte ihr doch liebevoll verzeihen will22), alles Fälle, in denen eventuell ein ״Lebensglück zerstört wird“. Oder um ein anderes Beispiel zu wählen; wenn der junge Kaufmann auf Reisen ist und Wochen lang nichts Warmes genießen kann, weil ihm die Speisegesetze heilig sind und er auch dadurch seine Kräfte schwächt, daß sie nicht im Dienste der ״Menschheitskultur“ das volle Maß leisten können: oder wenn der Familienvater den Sabbat durch Arbeit nicht verletzen will und sich vom sozialen Untergang bedroht sieht. Das sind doch alles Dinge, in denen die ״Lehre des Herzens״ schon heute kräftig genug spricht, und wenn es sich bloß um die Konstatierung eines vorhandenen Konfliktes handelt, auch in den Reihen der Uberlieferungstreuen. Wenn doch Achad Haam so gütig gewesen wäre uns ein klein wenig auf den Weg zu helfen. Das eine Beispiel von ״Auge um Auge“ reicht doch wahrlich nicht aus, und der Wechsel, den er uns auf die Zukunft ausstellt, auf die Zeit wenn nach der nationalen Wiedergeburt das jüdische Herz wieder kräftiger schlägt, — ebenso wenig! Aber der Gegensatz zwischen uns und Achad Haam liegt ja viel tiefer. Achad Haam ist eben selbst durch und durch assimiliert, er leidet an der ״unheilbaren Krankheit“ und darum erscheint ihm wie so vielen westeuropäischen Juden das Herz Israels versteinert. Das Menschliche in ihm ist eben völlig orientiert an der Kultur des Westens, ihm ist das Gesetz Gottes nicht mehr die lebendige Kraft, die den echten Jehudi durchströmt und ihn selbst dann, wenn er verstandesgemäß den Konflikt, in den es uns bringt, sieht, die Tragik des Konfliktes gar nicht empfinden läßt. Daß die ganze ״Kultur“ federleicht wiegt gegenüber dem Gottesgebot, das mag ihm ja durchaus unangemessen erscheinen. Aber er darf doch nicht 22) Nach den ans der Thora erschlossenen talmudischen Vorschriften ist in den beiden ersten Fällen eine anderweitige Ehe nicht möglich und muß im letzteren Falle die Ehe auch gegen den Willen der Ehegatten geschieden werden.

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