Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 11 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 611 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Acliad Haam und das gesetzestreue Judentum. 611 Wickelung. Reform ist etwas Künstliches, Entwickelung aber ein organisches Geschehen. Wenn die Herzen wieder lebendig würden, wie sie es im jüdischen Altertum gewesen, dann würde ein Ausweg gefunden werden, dann würde man das neue im Einklang mit der Schrift zu bringen wissen, wie es vorher geschehen. Achad Haam zeigt an dem Beispiel des ius talionis wie diese Entwickelung sich hier alTmählich vollzogen. Ursprünglich wurde es dem Wortlaut nach geübt. Dann fanden sich gesittete Menschen, in denen das Rachegefühl nicht so heftig war, die sich von den flehentlichen Bitten der Täter bestimmen ließen, ein Sühnegeld anzunehmen. So wurde dann allmählich die Bestimmung der Thora fakul-: tativ, kam später ganz außer Gebrauch, bis man in der talmudischen Zeit es überhaupt nicht mehr fassen konnte, daß die Thora je einem: Menschen die Erfüllung einer so unmenschlichen Leidenschaft erlaubt hätte. Der Mischnalehrer R. Elieser, der, aus einem unbekannten Grunde, in seinem• Herzen keinerlei sittliche Auflehnung gegen das Gesetz ״Auge um Auge, Zahn um Zahn“ empfand, wollte den einfachen Sinn des Schriftverses nicht zurückdrängen lassen. Und trotzdem hat es ihm nichts genützt. ,,Ist es denn denkbar,“ wundert sich der Talmud. Dies ist die Stimme des Herzens. Und daher wird es auch in Zukunft keiner Reformen und Reformer bedürfen. Es genügt, daß dite; allgemeine Überzeugung des Herzens durch günstige Veränderungen in unserem individuellen und nationalen Leben sich im Verborgenen zu entwickeln vermag, um sich wiederum zur Bedeutung einer freien sittlichen Autorität emporzuschwingen, damit von selbst alles, was mit ihr nicht übereinstimmt, nach und nach auf unmerkliche Weise ihren Forderungen gemäß eine. Umwandlung erfahre, ohne daß damit zugleich die Autorität der Schrift auch nur um eines Haares Breite geschmälert werde. Acliad Haam würde lächeln, wenn wir mit ihm über die Sache selbst diskutieren wollten. Zwischen der Auffassung, die in Worten der Thora eine göttliche Offenbarung sieht, und