Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 11 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 610 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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610 Achad Haaia und das gesetzestreue Judentum. hältnis resultierende Protest des Herzens gegen diejenigen Dinge, die nicht mehr seinen Bedürfnissen entsprechen. Das war früher anders. Wenn es in der Thora z. B. hieß: ״Auge um Auge, Zahn um Zahn“, so protestierte das Herz des Volkes, das in seinen geistigen Führern lebendig war, gegen die wörtliehe Auffassung dieser Worte, die eine Grausamkeit enthalten, und ruhte nicht eher als bis diesen Worten der Sinn untergelegt wurde ״Geld um Auge“. Aber, wenn heute bei einem Scheidebrief ein ״Tüttelchen von einem Jota“ fehlt und nun durch die Umstände kein anderer Scheidebrief zu erlangen ist und dadurch das Lebensglück zweier Menschen, zerstört wird, so fehlt dem Volke der Wiljensimpuls zur Ausrottung dieses Übels. Die fundamentale Frage in unserem' nationalen Leben ist also die: Ist es noch möglich, gegen diese uralte Krankheit ein Heilmittel ausfindig zu machen? Kann noch das jüdische Herz sich aufraffen, das Siechtum! von sich abzuschütteln, um wieder in unmittelbare Beziehung zum Leben zu treten und doch' dabei ein jüdisches Herz zu verbleiben? Dies Heilmittel sieht Achad Haam in dem intensiven Streben nach der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes,• nach einer freien, doch seiner Eigenart entsprechenden Entwickelung auf allgemein menschlichen Grundlagen. Das Judentum in dieser Form zur Grundlage der Erziehung und der Literatur zu machen, in den Gemütern dieses lebendige Streben wachzurufen, das erscheint Achad Haam der einzige Weg, der zur Befreiung des jüdischen Herzens und zu seiner Verknüpfung mit dem universalen Leben führt, ohne seine jüdische Form: dieser Freiheit zum Opfer zu bringen. Ein überlieferungstreuer Rabbiner Rußlands äußerte in einem Briefe an Achiad Haam seine Bedenken über diese Anschauungen. Und dieser gab ihm die Antwort in einem ergänzenden Aufsatz ״Worte des Friedens“ 20). Der Kern dieses Aufsatzes ist der Gedanke, daß Achad Haam nicht an eine Reform des Gesetzes denke, wohl aber an seine Ent- *״) A. S. I S. 111 ff.