Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 11 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 606 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292967--01744-2295004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
606 Achad Haam und das gesetzestrene Judentum. Maimonides vom Standpunkt der Religion das non possumus. Warum habe ich mir, meint er, diese unendliche Mühe gegeben, gegen die aristotelische Theorie von der Ewigkeit der Welt zu polemisieren, es wäre mir doch nicht schwer geworden, auch hier die Worte der Thora, die von der Erschaffung der Welt reden, entsprechend zu ״erklären“. Weil mit der Leugnung der Schöpfung auch die Offenbarung, die Propheten und damit das ganze Gebäude der jüdischen Religion zusammenlällt. Es ist also nicht richtig, daß Maimonides die Religion der Vernunft bedingungslos untergeordnet hat. Es gibt also Schranken, vor denen die Vernunft Halt zu machen hat. Jedenfalls fehlt uns jede Möglichkeit, zu entscheiden, was Maimonides getan, wenn es ihm nicht gelungen wäre, die Lehre von der Ewigkeit der Welt zu widerlegen resp. den Nachweis zu erbringen, daß sie mit den gleichen Widersprüchen belastet sei, wie die von der Schöpfung. Wir haben also nicht das Recht, aus Maimonides Theorie zu schließen, daß wir in seinem Geiste handeln, wenn wir unsere Glaubenslehren nach dem jeweüigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis modeln. Was aber endlich die Reklamierung des Maimonides für das Nationaljudentum betrifft, so fällt es schwer, da kein hartes Wort zu gebrauchen. Über die Sache ist ja kein Wort zu verlieren. Achad Haam betont selbst, daß wir bei Maimonides so gar keinen Hinweis auf die nationalen Momente in der jüdischen Gesetzgebung finden. Und mit der Erklärung, das Nationalgefühl hätte ihm unbewußt in ihm gewirkt, kann man alles zurechtstellen. Die Konstruktion, die Lehre von der Auferstehung wäre entstanden, weil man für die verstorbenen Frommen ein Äquivalent in einem diesseitigen Glücke als erforderlich ansah, stammt, wie bereits erwähnt, aus der Rüstkammer der christlichen Theologie, wenn sie auch bei Achad Haam nationaljüdisch modifiziert ist. Daß Achad Haam uns zumutet, wir sollten annehmen, Maimonides habe sich die Sache so zurechtgelegt, ohne daß er ein Sterbenswörtchen davon erwähnt, bei einer Frage, bei der er doch so sehr ins Gedränge kam, kann uns nur Wunder nehmen. Oder hat auch diese ganze