Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 11 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 594 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292967--01732-2294992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
594 Achad Haam und das gesetzestrene Judentum. einer jüdischen Kultur, die alles Gute der europäischen( Kulturen organisch zu einem Eigenen in sich verarbeitet hat — dann ist in Palästina ein geistiges Zentrum geschaffen, das gleichsam das Herz des jüdischen Volkes bildet, der Mittelpunkt des Blutumlaufes, aus dem alle Glieder* und mögen sie noch so, entlegen sein, belebt und ernährt werden. Das Bewußtsein, ein solches Zentrum zu besitzen, wird die örtlich und seelisch Entfernten stärken, ’ihnen die Kraft geben ihre Eigenart zu bewahren. Nach Palästina wird man wallen um dort zu schauen, daß ein in sich geschlossenes national eigenes Leben pulsiert und wie es beschaffen ist. Diese Eindrücke wird m(an in die Heimat mitnehmen und hier werden diese die Wechselwirkung auslösen, daß mancher den Entschluß faßt sein ganzes Leben Palästina und seiner materiellen und geistigen Kultur zu widmen und indem er für immer dorthin übersiedelt, der nationalen Wiederbelebung und Selbsterhaltung neue Kräfte zuzuführen. Über den Inhalt der neuen geistigen Kultur, die in Palästina Wirklichkeit werden soll, läßt sich nur soviel sagen: Die religiöse Idee, die der geistigen Kultur des Judentums seit Jahrtausenden den Stempel aufgedrückt hat, wird auch hier eine beherrschende Rolle spielen. Welcher Art die Formen sein werden, in denen sie sich auswirkt, können wir schwer feststellen. Das ist auch nicht nötig. Denn die Entwickelung, die wir ja (nach Ach'ad Haam) als die wissenschaftlich gesicherteste Wahrheit in unser Denken auf genommen haben, wird schon in einem sanften Übergang das Lebensfähige und darum Richtige zu Stande bringen. Diese Entwickelung, diese sanften Übergänge dürfen darum nicht durch plumpe Eingriffe gestört werden. Der jugendliche Überschwang eines sich auch auf dem heiligen Boden breit machenden Radikalismus kann daher nicht scharf genug gegeißelt werden. Für die Möglichkeit einer friedlichen Umwandlung des Alten int das Neue im Bunde mit den Vertretern des Alten bürgt das Vorhandensein streng frommer Rabbiner, die es nicht verschmähen, an >der Seite von Freidenkern im Dienste des nationalen Judentums zu wirken.