Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 584 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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584 Religion und Religiosität. hier das Kultgesetz zur dauernden, umfassenden Lebensgemeinsehaffc. Es gibt im Grunde keine jüdische Religiosität, ebensowenig wie man von einer deutschen oder christlichen sprechen kann. Das würde ja stets bedingen, daß das Erleben und Fühlen jedes einzelnen sich einordnen läßt. Mit jedem neu geboren, wird diese innere Religion auch für jeden neu geschaffen, das ist ihr Reichtum, ihre Kraft. Dort die Ekstase des Mystikers, hier die Geistesandacht des Denkers, das jubelnde Gottgefühl des schaffenden, ringenden Mannes — wer will hier werten, hier trennen, nehmt alles, wie es ist, denn überall wohnt Gott und zeigt die Unendlichkeit seiner ewigen Kraft. — Man kann wohl die religiöse Grundstimmung einer Nation zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung machen, nur findet man von hieraus keinen Weg zu einem religiösen Imperativ. Das hat Martin Buber wohl auch nicht gemeint, aber ich schreibe für die vielen, die ihn mißverstehen — Das Gesetz gibt das Band der Einheit und die innere Freiheit zugleich, und wenn das Judentum Männer der verschiedensten Geistesrichtung, von fast feindlichem Temperament, als ebenbürtige Verkünder seines Wortes tragen konnte, ich nenne nur Namen wie Hillel, Schamaj, Maimonides, Baal Schern,— man vergleiche damit die geistige Uniform der modern-protestantischen Führer — so verdankt es diese Kraft und Freiheit, dem jüdischen Gesetz. Nur noch ein Wort über den Wert der unbedingten Einordnung, die das Gesetz von uns fordert. Die Romantiker, Individualisten bis in den letzten Hauch ihrer Seele, sehnen sich nach dem alt-katholischen Kult. Das ist keine Laune ihres romantischen Traums. Je mehr Religion ihnen Erlebnis, je persönlicher ihre Gotterkenntnis wird, umso mehr streben sie nach Richtung, Bestimmtheit, sie wollen wieder in die Gemeinschaft untertauchen, ihr eigenes Ich im Bade der Menschheit läutern. Ist es erlaubt etwas eigenes zu erzählen. Wir erhielten — eine junge freiwillige Schaar — den Befehl zum ersten Sturm. — Noch blieb etwas Zeit, nachdem die Vorbereitungen vollendet, Zeit, die Bedeutung der Stunde im Geist zu durch-