Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 582 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Religion und Religiosität. schreibt Buber auf S. 68: ״Sie — gemeint ist die Schrift — wird aber vom Priester, hernach vom ursprünglich freier gesinnten Schrittgelehrten, nicht als eine im Leben auszugestaltende. mit neuem Lebenssinn zu füllende Verkündigung, sondern als eine Satzung, eine Summe von Vorschriften behandelt, vom Priester formalistisch abgegrenzt, vom Schriftgelehrten dialektisch ausgesponnen, immer aber ins Enge, Starre, Unfreie gewandt, die lebendige Religiosität nicht fördernd sondern unterbindend.“ Diese Darstellung ist stark tendenziös, in solcher Verallgemeinerung sicher unwahr. Uns tut es weh, daß von jüdischer Seite ein Vorurteil wieder aufgegriffen wird, das so lange das Alpha und Omega der Christliehen Theologie gebildet, bei der der Rabbinismus ja die düstere Folie geben muß, von der der Glorienschein des Stifters ihrer Kirche sich leuchtend abheben kann. Wir wollen hier statt jeder weiteren Diskussion, die Worte eines christlichen Forschers anführen, dessen Standpunkt auch vom Offenbarungsglauben hinlänglich entfernt ist, um seinen wissenschaftlichen Kredit nicht zu kürzen. ״Weit entfernt also, sich in Gegensatz zu den Ideen der Propheten zu setzen, war er (nämlich Esra) gerade der Mann, sie bis zur höchsten Entwicklung zu bringen, oder wenigstens dem Volke den Weg dazu zu weisen. In der Methode ist ein Unterschied zwischen den Propheten und Esra, in den Prinzipien aber keiner. Und wenn die Pharisäer und die späteren Rabbinen die Methode und die Prinzipien Esras weiter ausbauten, standen sie mit ihm in derselben Reihe als die rechtmäßigen Nachfolger und Fortsetzer der Propheten.1) Man kann in Wahrheit behaupten, daß von den späteren Typen des Judentums — Hellenismus, Apokalyptik und Rabbinismus — der letztere und nur der letztere das Erbe der Propheten antrat und weiter überlieferte.Für den Augenblick ist wohl genug gesagt, um zu erhärten, daß das Judentum, dem Esra sein eigenes Gepräge gab, indem er der Thora die höchste Stelle darin an wies, nach der geistigen Seite dadurch reicher und nicht ärmer gemacht wurde. Es sank nicht herab, sondern hob »ich, es wurde nicht seichter und ärmer, sondern voller und tiefer und erhielt dadurch eine größere Macht als je zuvor» indem es zum bestimmenden Faktor im Leben des Einzelnen wurde.“2) *) Von uns hervorgehoben. s) R. Travers Herford: Das pharisäische Judentum, S. 54ff. Ein Buch, für dessen Verbreitung jeder wirken sollte!