Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 581 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Religion und Religiosität. 58! zu merken — mit neuem glühenden Sinn zu erfüllen und zu innerst zu verwandeln vermag, daß sie jedem Geschlecht erscheinen, als wären sie ihm selber heute offenbart, seine eignen, den Vätern fremde Nöte zu stillen. Sind aber die Riten und Dogmen einer Religion so erstarrt, daß die Religiosität sie nicht zu bewegen vermag, oder sieh ihnen nicht mehr fügen will,1) dann wird die Religion unfruchtbar und öamit unwahr.“ Diese Auffassung nimmt der Religion, das leuchtet ohne weiteres ein, ihre innerste Kraft, die Kraft der absoluten Forderung, der bedingungslosen Verbindlichkeit, die jeder religiöse Imperativ besitzen muß. Hier kann ein Kornpromiß nichts fruchten, kein Ausgleich zwischen Ideal und Wirklichkeit, — man sucht ja die eine, die alleinige Wahrheit, den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht, das schlechthin Gültige in der ewigen Bedingtheit des Lebens. II. Für jeden Offenbarungsglauben aber bleibt die Frage, ob der überlieferte Schatz von Lehren und Gesetzen der immer werdenden und wachsenden, immer persönlicher ge־ formten Religiosität der Gegenwart Genüge und Erfüllung geben kann. Wir denken jetzt an unser Judentum. Hier hat die Frage meist noch einen anderen Klang. Im Mittelpunkt steht ein festgefügtes Gesetz, dessen peinliche Beobachtung das Leben des Einzelnen ständig umgibt und jede Persönlichkeitskultur zu verkümmern droht. Die Gefahr der Erstarrung scheint unüberwindlich. Es ist im Grunde das alte Argument des Christentums, das der jüdischen ״Werkreligion,“ Verknöcherung, Entgeistigung, Werkheiligkeit vorwirft. — In dem oben erwähnten Aufsatz geht Martin Buber ähnliche Wege: er versucht in der Geschichte der jüdischen Religion den Kampf zwischen dem starren, leblosen Gesetzesprinzip und einer freien vergeistigten Erfassung als das treibende Moment der Entwicklung aufzuweisen. Wir können auf die historische Beweisführung im Einzelnen nicht eingehen, aber über einzelne Sätze hinwegzulesen, ist uns unmöglich. So?) Von uns hervorgehoben,