Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 580 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Beligion und Religiosität. sam undenkbar. Dem widerspricht nicht die Tatsache, daß in einzelnen Individuen scheinbar ein solcher Zustand verkörpert ist. Sie fußen auf der tausendjährigen religiösen Überlieferung, welche die großen religiösen Verbände getragen, auf dem unübersehbaren Schatz der alten religiösen Geistes weit, sind mehr als sie ahnen, abhängig von dem religiösen Leben der Kirchen,, das sie umflutet. Bedarf es noch des Beweises, wie ohne Gemeinschaft das religiöse Leben verflüchtigt und verflacht? Aber immer bleibt noch die Grundfrage, ob die!Religion nur die äußere Form bedeutet, in der das religiöse Leben der Gemeinschaft sich abspielen kann, oder ob sie schlechthin ab״ solute Werte in sich birgt, die nur hier in die Erscheinung treten? Für alle, die außerhalb des Offenbarungsglaubens stehen, ist die!Religion ein Geschichtlich-gewordenes, in Lehre und Gesetz der Niederschlag des religiösen Bewußtseins der Epoche, die sie geboren. Hieraus ergibt sich die logische Folgerung, daß die subjektive Religiosität des Einzelnen das Kriterium geben muß für den Wert, die Brauchbarkeit und Notwendigkeit der überlieferten Religion, im Grunde ein 10־ gischer Zirkel, da ja umgekehrt die Religion die Richtung der religiösen Gefühlswelt bestimmen will. Man tröstet sich wohl damit, daß die Wirklichkeit stets die Logik zu umgehen weiß. Hat die Spannung zwischen dem Bewußtsein der Gegenwart und den überlieferten Vorstellungen einen gewissen Grad erreicht, so wird die Reform erzwungen. Hören wir einmal Martin Buber über dieses Thema (aus einem Aufsatz auf den wir später noch zurückkommen werden):l) מReligion ist die Summe der Bräuche und Lehren, in denen sich die Religiosität einer bestimmten Epoche, eines Volkstums ausgesprochen und ausgeformt hat, in Vorschriften und Glaubenssätzen festgelegt, allen künftigen Geschlechtern ohne Rücksicht auf deren neu gewordene, nach neuer Gestalt begehrende Religiosität als für sie unverrückbar verbindlich überliefert. Religion ist so lange wahr, als sie fruchtbar ist; dies aber ist sie so lange, als die Religiosität, das Joch der Vor- Schriften und Glaubenssätze auf sich nehmend, sie doch — oft ohne es 1j Martin Buber: Jüdische Religiosität in dem Sammelbuch ״Vom Geist des Judentums“ S. 50. 5i.