Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 579 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Religion ־and Religiosität. 579 keine Brücke, denn jedes Fühlen und Erleben muß an Siehtbares, Greifbares knüpfen, soll es nicht unfruchtbar im eigenen Schoß verdorren. Alle seelischen Kräfte brauchen Befruchtung, Anregung, Austausch und Bereicherung zu ihrer Entwicklung. Auch das religiöse Bewußtsein muß geschult und erzogen sein. — Wo nehmen wir sonst einen Schutz her, gegen die Uebergriffe irregeleiteter Schwärmer. Wer allein die Intensität des Erlebens zum Maßstab der Wahrheit nimmt, kann schließlich dem wildesten Aberglauben ausgeliefert sein. — Es fehlt auch die Bestimmtheit und Orientierung, ohne die auch der mächtigste Eindruck verhallen und verflüchtigen muß. Was aber mehr als alles andere wiegt, man vermißt all die Werte, die erst die religiöse Gemeinschaft bieten kann, das Erleben gemeinsamer Gott Verbundenheit im Kultus, in der gemeinsamen Andacht. Hier wird alles Persönliche übertönt von dem Bewußtsein der Menschlichkeit, mitten in der Gottvereinigung des eigenen Ich bleibt der Abstand gewahrt, den der einsame Ekstatiker meist übergeht; die tiefe Demut vor Gott. Es ist ein bedeutsames Merkmal der jüdischen Andacht, daß wir auch im einzelnen Gebet von uns in der Mehrzahl sprechen; immer soll der Blick auf der Gemeinschaft ruhen, damit das eigene Ich nie vor Gott der eigenen Kleinheit vergesse, nicht den Wunsch der eigenen Brust unbescheiden vor den Richterstuhl des Allerhöchsten trage. Auf die suggestive Kraft, auf die Gewalt, mit der die Andacht der Gemeinde den Willen des Einzelnen zwingt, braucht kaum hingewiesen zu werden. Hier fluten die -Zentren des religiösen Erlebens, seine Kräfte strahlen bis in die Hütte des Einzelnen. Im Gotteshaus, in der Gemeinde, kann die Religion aufs Leben wirken, von hieraus griff sie, der mächtigste Erzieher des Menschengeschlechtes — in das Leben des Einzelnen ein, bestimmte sie, als politische und sociale Macht nicht selten den Lauf der Weltgeschichte. Eine kultfreie Religion ist für mich dauernd und wirk-