Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 578 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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578 Religion und Religiosität. Sicherheit, Ehrfurcht und sittliche Tatkraft verleiht. — Der Ton liegt dabei auf der Macht der Erschütterung, die der Anblick der Ewigkeit, das Bewußtsein der irdischen Nichtigkeit in unserer Seele löst, mehr noch auf dem Erschauen und Ergreifen der göttlichen Allgegenwart, auf der lebendigen Gemeinschaft, die unser eigenes Ich mit dem Unendliehen schließt. Das mag der eine mehr künstlerisch, der andere mehr ethisch oder geistig, der eine persönlicher, der andere unpersönlicher fassen und erleben — wir leugnen nicht, daß durchgreifende Unterschiede dadurch bedingt sind — es gibt keinen Wertunterschied bei dem Begriffe Religiosität. Nicht der Glaube an die Existenz eines Gottes genügt, man muß seine Gegenwart fühlen und wissen. ״Gott glauben ein schönes Wort, aber ihn anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist die wahre Seligkeit des Lebens41 ist ein Ausspruch Goethe’s, der mich immer wie die Uebersetzung des alten בכל דרכיך דעהו anmutet. Nicht Gott glauben, Gott suchen ist alles. Yon hieraus wird zunächst verständlich, daß Religiosität sicherlich das wesentliche Ziel jeder Religion bedeutet, daß sie aber vollkommen unabhängig ist von dem Bekenntnis zum Lehrinhalt oder Zeremonialgesetz irgend einer positiven Religion. So hat denn auch unsere Zeit das Ideal aufgestellt, eine Generation ohne Glauben heranzubilden, der trotzdem nichts von religiösen Werten fehlen soll. Eine Persönlichkeitsreligion wird gefordert, wo jeder sich selbst sein Verhältnis zum Absoluten schafft, und frei ist von jedem Ballast über•* lieferter Vorstellungen, vom Zwang einer fremden Gedankenwelt Wir fragen zunächst, wie steht es mit der schöpferischen Kraft einer solchen freien Religiosität? Ihr fehlt vorerst jedes Aus drucks mittel für ihr Denken, Eühlen und Wollen, ein Ausdrucksmittel, wie es das religiöse Symbol, der überlieferte Sprach- und Gedankenschatz jeder Glaubensgemeinschaft bietet, — und damit fehlt die Möglichkeit, Religion weiter zu geben, zu übermitteln, zu wirken. Von der Welt des einen zur Welt des anderen führt