Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 577 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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Religion und Religiosität. 577 wir umgekehrt die tiefe Zerrissenheit fühlen, die seelische Not, dem religiösen Erleben nicht Halt und Sicherheit geben zu können: Gestalt, Ausdruck, Willenskraft. Die religiöse Skepsis hat die Massen des Volkes ergriffen, ist radikaler als je, doch hinter uns liegt die Zeit teilnahmsloser Gleichgültig־ keit; hinter uns liegt der Positivismus, der nur anerkennt, was wissenschaftlich bewiesen ist, der Intellektualismus, der die Vorherrschaft des Intellekts über die anderen Seelenenergien proklamiert. — Nicht zuletzt, die soziale Bewegung hat unserem Empfinden neue Ursprünglichkeit verliehen, Wirklichkeitssinn und Willen geschult, so auch den Willen, den Kampf zu wagen mit den letzten Fragen des Lebens. Friedrich Naumann prägte einmal für die religiöse Stimmung der Zeit das Wort vom ״heimatlosen Gefühl,״!) das durch die Luft streicht wie ein Bienenschwarm, der aus seinem alten Korbe gedrängt, noch keine neue Heimat gefunden hat. — Daß eine neue Religiosität bei uns erwacht, — davon zeugt nicht nur die Literatur unserer letzten Zeit — sondern vor allem der neue Ernst, mit dem man den Lebensfragen gegen- Übertritt. Ein Suchen, Tasten, Schweben, das ist die Religiosität unserer Zeit. — Es sind Funken von der Flamme verirrt. Wir haben versucht, in einem kleinen historischen Rückblick den Leser an das Problem heranzuführen, das wir nun näher umschreiben wollen. Wir fragen nach Wesen und Bedeutung des religiösen Erlebens, nach seiner Beziehung zur positiven Religion, und wollen versuchen, für das Judentum eine Antwort zu finden. Wir werden uns wesentlich auf die Durchführung eines Gedankens beschränken und das Übrige nur in großen Umrissen zeichnen. I. Es ist nicht leicht eine umfassende, anschauliche und zugleich präzise Definition des Wortes Religiosität zu geben. Uns erscheint Religiosität eine letzte Einstellung der ganzen Persönlichkeit zu allen Werten des Lebens, die ihr Würde 1j Fr. Naumann: Gespräche über Religion. 37*