Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 576 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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576 Religion und Religiosität. niclit Gefühl. Auch der rechtfertigende Glaube ist im Grunde ein intellektueller Akt. Das Empfindungsleben der Zeit war arm und naturfremd. Das junge Christentum hatte ja — im Kampf mit den Naturgöttern der Heidenzeit — Feld und Wald mit Teufeln gefüllt, die Unmittelbarkeit zwischen Mensch und Natur war gebrochen, die ungewohnte ethische Einstellung zu allen Lebenswerten hatte Mißtrauen gesät gegen das Gefühl der eigenen Brust. Die Neuzeit bringt dem Abendland die große Umwertung. Die überlieferte Vprstellungswelt wankt und bröckelt ab, aber die Empfindungswelt ist neu belebt, ist frischer, wacher, gehaltvoller als je, voll ungestümer Kraft und Innigkeit. Das junge, dem neuen Reichtum geöffnete Ohr hört aus jedem Raunen des Waldes, jedem Rauschen des Quells das Geheimnis der Ewigkeit. Die religiöse Ekstase, die inbrünstige Liebe zur neuen Welt sprengt die Fesseln religiöser und kultischer Gemeinschaft: Die Mystik gründet ihr Reich. Hier erwächst der Gegensatz zu innerster Klarheit. Nur zwei Namen seien genannt, zwei Typen dieser Zeit: Giordano Bruno und Spinoza. Ich kenne keine anderen Denker, bei denen religiöses Erlebnis, religiöse Inbrunst so im Mittelpunkt ihrer Welterfassung steht, — und beide, von ihrer religiösen Gemeinschaft, von ihrem Glauben gelöst. — Es erübrigt sich fast das Problem noch weiter zu verfolgen, das uns heute täglich umgibt. In Deutschland ist es fast Regel geworden, daß die führenden Geister — deren Herzensfrömmigkeit und tiefe Religiosität keinen Zweifel duldet, — ihrer Glaubensgemeinschaft kalt, wenn nicht feindlich gegenüberstehn. — Auch das ist bezeichnend für deutsche Art, der die Hume’sche Staatsreligion nie in den Sinn gekommen. — Seit Schiller empfinden wir es auch nicht als Paradoxon mehr, wenn man aus Religiosität religionslos wird. Hie Kirche und hie Religion, hie Priester — hie Prophet sind Schlagworte, deren Schneide fast schon zu verrosten beginnt. Nur daß in unserer Zeit das Problem breiteren Boden gewonnen, intensiver und schärfer den Menschen erfaßt, daß