Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 574 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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574 Charakterbilder unserer großen G-esetzeslehrer. ein günstiges Geschick uns erhalten hat, und in stimmungsvoll len Pijjutim und Selichot, die er selbst verfaßt hat; er hat das Buch, das unser Volk auf seiner Wanderung durch die Zeiten und Länder begleitet, zuerst in einer auch späteren Bedürfnissen noch genügenden Weise erläutert, und er hat schließlich die philosophische Begründung des Lehrinhalts des Judentums angebahnt. So stand auch, nachdem er von der Stätte der Arbeit abberufen war, sein Geist allezeit neben seinem Volke um über es zu wachen, daß es sein geistiges Gut stets mehre und schütze. Und er diente auch dann noch seinen Brüdern. Ist es doch seinem aufopferungsvollen Wirken zu danken, daß die gefährlichsten Irrlehren die Volksseele nicht mehr vergiften konnten, vor allem aber, daß dem Karäismus die Waffen entwunden waren und er den Bestand des überlieferten Judentums durch seine Bibelauslegung nicht mehr gefährden konnte. Vor dem hellen Licht der wahren Wissenschaft mußten alle Nebel der karäischen Verdunkelungsversuche, gekleidet in das fadenscheinige Gewand der Buchstabenverehrung schwinden. Und, wenn je sich das Wort bewahrheitet, daß die Weltgeschichte auch das Weltgericht ist, so hat es sich an Saadia auch im Reich des Geistes bewahrheitet. Wohl versuchten die Karäer zu seinen Lebzeiten seine Schriften der Vernichtung preiszugeben, wohl haben alle ihre Schriftsteller ihn mehr oder weniger heftig bekämpft, aber die Vorsehung hat es gefügt, daß ein großer Teil seiner Werke, darunter auch der antikaräischen, durch den letzten Gelehrten, den diese geistig und völkisch immer mehr zusammenschrumpfende Secte aufzuweisen hatte, den i. J. 1874 gestorbenen Chacham Abraham Firkowitz, der aus einem Gegner Saadias ein reuevoller Verehrer seiner Größe geworden war, uns in den von ihm für die Bibliothek in Petersburg erworbenen handschriftlichen Schätzen erhalten worden sind: fürwahr eine bedeutsame Erfüllung des Wortes: ברצות ה׳ דרכי איש גם אויביו ישלים אתו. Saadia und Maimuni, beide vom Talmud, in dem uns der Quell der Ueberlieferung fließt, ausgehend, haben das rabbinische Judentum von den ersten Antängen bis zum Gipfelpunkt der