Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1916)
- Date
- 1916-10-01
- Page
- Seite 573 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Charakterbilder unserer großen Gesetzeslehrer. 573 In der Schriftauslegung leiten: Schrift, Tradition und Vernunft, treten im großen und ganzen auch hier hervor, besonders aber ist bemerkenswert sein Versuch der Vereinigung von Tradition und Vernunft. Über das Verhältnis beider zu einander spricht er sich in der Einleitung in einem treffenden Beispiel aus. indem er die gläubige Annahme der Wahrheiten der Religion und die verstandesmäßige Prüfung derselben mit der Feststellung des Ergebnisses einer Rechnung durch bloßes Zählen und andrerseits durch eine umständliche Wissenschaftliehe Berechnung vergleicht. Er war überhaupt der erste eigentliche Religionsphilosoph, ja, der erste jüdische Denker, der die Beziehung des sogen. שכל zur Durchdringung der Probleme des Judentums in den Bereich seines Systems gezogen, und somit einen Grundstein gelegt hat zu dem stolzen Bau, den später Moses ben Maimon aufrichten konnte: beide Meister der nationalen Studien, Verfechter der Ehre ihres Volkes, beide gestählt im Kampf gegen Irrlehren und Anfeindungen, beide in. jeder Hinsicht als ausgeprägte Charaktere bewährt. Die Verbannung Saadias dauerte 7 Jahre und endete mit einer feierlichen Versöhnung des Exilarchen mit dem Gaon, der sogar noch in seiner Hochherzigkeit nach Davids Tode sich seines früh verwaisten Enkelsohnes annahm. Doch nur noch 5 Jahre wirkte Saadia, im Jahre 942 erlag er einer Krankheit, zu der vielleicht die große Kränkung, die ihm widerfahren war, den Keim gelegt hatte. Im Alter von 50 Jahren, in vollster Schaffenskraft, wurde der bedeutende Mann seinem Volke entrissen. Er hat nur die Lebenszeit erreicht, in der, nach den Worten der Thora, der Levit von seiner eigentlichen Arbeit beim Heiligtum zurücktreten mußte, um fortan nur dem Wachtdienst sich zu widmen. In unermüdlicher Tätigkeit hatte Saadia am Heiligtum der Wissenschaft des Judentums gewirkt: er hat die Sprache seines Volkes liebevoll gepflegt, den Grund zu ihrem wissenschaftliehen Ausbau gelegt, hat den Regungen des jüdischen Herzens Ausdruck verliehen in der Gebetordnung seines Siddur, den