Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 509 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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509 Charakterbilder unserer großen Gesetzeslehrer. konnte. Indes drohte doch so manchem Schwankenden Gefahr durch die Propaganda der Karäer, so daß sich die Führer des Judentums in Babylonien zu allerlei Maßnahmen gegen diese veranlaßt fühlten. Aber auch von einer anderen Seite waren Glaube und Treue zur Ueberlieferung gefährdet. In jenem Wetterwinkel an der persisch-afghanischen Grenze, von dem von jeher die Sektenstifter ihren Ausgangspunkt nahmen, war ein Ketzer der schlimmsten Art aufgetreten, Hiwi oder Hajaweih aus Balch, der Verfasser eines Werkes, das von allerlei Angriffen auf die Erhabenheit des Welten Schöpfers wie auf die Erzählungen der heiligen Schrift strotzte. Unter dem Einfluß der dort vielfach wirkenden häretischen Anschauungen mohammedanischer Freidenker, und der Lehren der auch nach den! Eindringen des Islam dort noch anzutreffenden Anhänger der Lehre des Zarathustra, die besonders die heiligen Schriften einer auf Religionslosigkeit hinzielenden Kritik unterzogen, — unter einem derartigen Synkretiomus also schrieb Hiwi 200 Angriffe gegen die göttliche Welt- Ordnung und die Thora. Wir sehen demnach, daß das Judentum damals, am Ende des neuten Jahrhunderts, bittere Fehden zu bestehen hatte. Auf der einen Seite waren es die Feinde der mündliehen Lehre, die sich als die alleinigen Hüter des Schrift- Wortes ausgaben, dabei aber nur die Gedankenlosigkeit förderten und zur Verknöcherung und Versteinerung führten; auf der anderen Seite eine schrankenlose Abkehr von allen Grundlagen einer Religion, die unabsehbaren Schaden an Gesinnung und Charakter des heranwachsenden Geschlechtes anrichten konnte: Aberglaube und Unglaube, unverständige Auffassung des Gesetzes und dessen Verleugnung vereinigten sich im Kampfe gegen das Thoragesetz, das nach, Lev. 18,5, dem jüdischen Volk Lehenskraft und Lebensziel geben sollte. Da trat, wie von der Vorsehung gesandt, der Mann auf, der das Judentum nicht nur für kurze Zeit von allen Gefahren retten sollte, sondern auch durch seine Charakterstärke dazu bestimmt war, für die Dauer zu wirken, und alle Kräfte