Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 503 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292965--01639-2294897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schulfragen im Ostjndentum. 503 rakterisiert. Das religiöse Gefühl bedarf wohl der Pflege and Leitung; ist es aber einmal geweckt, dann wird es selbst zu einer großen Kulturmaoht, die widerstrebende Mächte sich dienstbar macht und ihnen ihr Gepräge verleiht. Das mystisehe Gefühl entzieht sieh der erzieherischen Wirkung. Es bedarf bloß eines günstigen Klimas, des Lichtes und der Luft und sonstiger Wachstumsbedingungen. Es gedeiht sonst nicht. Aus dem Gesagten wird jedem die Unmöglichkeit einleuchten, das Reis der modernen Kultur auf den Stamm des chassidischen Geistes zu propfen. Denn man vermag nicht das von Natur Widerstrebende zu vereinigen. Heterogene Eiemente lassen sich nicht künstlich in homogene verwandeln. Den einzigen Gefallen, den man unseren chassidischen Brüdern erweisen kann, ist, sie vor jedem׳ irgendwie gearteten äußeren Zwang wirksam zu schützen. Äußerer Zwang und eigenmächtiges ״Wohltun“ wären nur dazu angetan, die Grundfesten dieses stolzen sittlichen Baues unheilbar zu erschüttern, ohne indessen etwas anderes an seiner Stelle aufzubauen. Der schlechteste Mensch ist aber der, der seine sittliche Basis verloren hat. Wer weiß, ob nicht vielleicht jene wenigen Ausnahmen unter unseren Volksgenossen in Polen und Galizien, die durch eine gewisse moralische Inferiorität mit Recht unsere Entrüstung hervorrufen — wer weiß, ob diese Juden, die doch Fleisch ,von unserem Fleische sind, nicht hauptsächlich Opfer der aus dem Ringen feindlicher Kulturmächte sich ergebenden seelischen Zerrissenheit sind? Möglich, daß sie gerade vermöge ihres echteren Naturells, der Tiefe und Intensität ihres Geistes- und Gefühlslebens diese oberflächliehe Verquickung des Gegensätzlichen nicht zu ertragen vermochten. Ist einmal das sittliche Gleichgewicht verloren gegangen, ist der seelische Halt erschüttert — dann ist auch der Rest des sittlichen Empfindens dem Untergang geweiht. Bevor die polnischen Juden eine andere Art der Betrachtung des Lebens und des Erziehungszweckes sich zu eigen