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Jeschurun · 1916-09-01 · Heft 9 (September 1916) · p. Seite 497

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 9 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 497 (sequence 35)
Language
German
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Sehulfragen im Ostjudentum. 497 allein es ist ihr noch nicht gelungen, den alten Geist des Judentums und jungen europäischen Wissensgeist zu einer höheren Synthese so zu verschmelzen, daß von ihr schöpferische und erneuernde Impulse für die jüdische Persönlichkeit ausgehen. Auch in Deutschland wird unaufhörlich über die Abnahme der Thorakenntnis und das Versiegen der Schaffenskraft geklagt. Dann aber weist auch die ostjüdische Gemeinde ganz andersgeartete soziale und öffentliche Verhältnisse auf, als die in den gesetzestreuen Kehillor in Deutschland. In Deutschland verfügt die Orthodoxie über eine fest gefügte selbständige Gemeindeorganisation. Eine gleiche Athmosphäre herrscht in Elternhaus, Synagoge und Schule. Überall findet die Erziehungsarbeit des Lehrers verständnisvolle Unterstützung. Im Osten liegen die Dinge bekanntlich ganz anders. Das Erziehungssystem allein ist es, das die Parteien trennt. Auf den anderen Gebieten des Gemeindelebens kennt man keine Trennung. Man betet in der gemeinsamen Synagoge und arbeitet zusammen in den gemeinsamen Gemeindeorganen. Eine Änderung dieses Zustandes ist in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten. Von einer Trennung wollen weder die Orthodoxen, noch die Freigesinnten etwas wissen. Wo soll also der Lehrer in seiner schweren Erziehungsarbeit den nötigen Rückhalt finden? Wie soll das Kind vor der Einwirkung seiner Altersgenossen, des ganzen andersgearteten Milieus bewahrt bleiben? — Bis heute bildete die verschiedene Erziehungsart, die abweichende Art des hebräischen Unterrichts, sowie die Differenz bezüglich der Kenntnis der Landessprache und des Besitzes sonstigen profanen Wissens, die zwischen den Kindern der verschiedenen Gruppen bestand, eine Scheidewand zwischen dem Kinde des Gesetzestreuen und seinem, einem anderen Milieu angehörenden Altersgenossen. Wir reißen aber selbst diese schützende Mauer nieder, wenn wir auch dem Kind des Gesetzestreuen eine moderne Erziehung angedeihen lassen. Damit zerstören wir selbst die Einheit der inneren Welt des Kindes, die Grundlage aller Charakter- 32*

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