Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 492 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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492 Schulfragen im Ostjudentum. auch uns heilig. Vermöchten wir uns der Zuversicht hinzugeben, daß der alte Cheder und der alte Melamed auch in der Zukunft uns jene guten und starken Juden geben würden, wie es die früheren Zeiten taten, — es wäre uns niemals in den Sinn gekommen, an Reformen zu denken. Wir hätten danD möglicherweise sogar über die offenkundigen hygienischen und pädagogischen Mängel des alten Systems das Auge zugedrückt. Allein wir behaupten, daß jene wunderbare Erscheinung von Juden, die frohen Mutes ihr ganzes Erdenleben für die Heiligkeit der Thora einsetzten, weder durch den engen Cheder mit seinem Licht- und Luftmangel, noch durch den abgehärmten ,,peitschgewaltigen“ Melamed geschaffen wurde, — sondern durch das reiche und ungebrochene jüdische Leben des Ghettos. Nicht der Cheder, sondern das ganze volljüdische Milieu, nicht der Melamed, sondern das Elternhaus haben den Grund gelegt. Nicht die pädagogische Unart des alten Erziehungssystems, sondern das Leben und die Lebens- Verhältnisse der vergangenen Zeiten. Schließlich werden wir uns mit dem bittern Bewußtsein abfinden müssen, daß gar vieles, was am Alten gut und schön war, durch die neue Entwicklung verloren gehen wird. Allein wenn der ganze Bau gefährdet ist, vermag sich niemand der Pflicht zur Rettung zu entziehen. Wer in verblendetem Eigensinn auf die Rettung der schönen Nippefeachen in seinem brennendem Hause bedacht ist, wird am Ende sein ganzes Haus einbüßen. In dieser Beziehung gilt uns die alte Verhaltungsmaßregel unserer Weisen: ״Ist die Zeit des Handelns für Gott gekommen, dann ist selbst die Thora außer Kraft gesetzt!“ Es wäre überflüssig, noch weitere Worte über die Notwendigkeit einer Reform zu verlieren. Bei der Frage aber, wie wir im einzelnen die Arbeit in Angriff nehmen sollen, müssen wir uns vorerst aller WiderstädHe und Hindernisse voll bewußt sein. Wir erwähnen zunächst die Hindernisse technischer Art: '1. Den Mangel an einer ausreichenden Anzahl von Lehrkräften. Die alten Melamdim sind nämlich nicht allein aller Eignung für ihren Beruf bar, sondern auch tatsächlich