Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 485 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Schuld und Sühne. 485 ,Tilgung der Schuld um jeden Preis, theoretisch in der schwersten Form. Aber nun in der Theorie. Es gibt eine Reihenfolge von leichten Vergehen bis zum schwersten Verbrechen, und dieser sind auch die Sühnemittel angepaßt. Alles ist aber in des Menschen Hand gegeben. Wie sein Abfall ein Akt des freien Entschlusses war, so auch seine Rückkehr. Der Mensch selbst soll sich für sie entscheiden und auch, wenn er sich noch so weit entfernt, kann er den Weg zu ihr finden. Denn der Gerechtigkeit Gottes ist die Liebe zugesellt. Sie ebnet dem Abgefallenen die Bahn, sie begnügt sich mit einer rein seelischen Wandlung und löscht ein ganzes Leben der Sünde aus, wenn der Verlorene in der Reue mit Herz und Sinn sich wieder zu Gott gefunden hat. Gerechtigkeit und Liebe in Gott, Gerechtigkeit und Liebe muß auch der Leitstern sein für den Menschen, der sühnen will. Daß ihm die Forderung der Gerechtigkeit immer von Neuem zum Bewußtsein komme, darum soll er die von Gott eingesetzten Mittel — nach dem Willen Gottes >in Anwendung bringen. Wenn er den Mitmenschen an Leib und Gut und Ehre geschädigt, so soll er es der göttlichen Forderung gemäß wieder gut machen. Aber die Verläugnung Gottes, die in jeder Versündigung zu Tage tritt, erfordert nicht minder die angemessene Sühne. Der Mensch soll darum Opfer bringen und sie nach den Satzungen bringen, die Gott für sie vorgeschrieben. Die Erfüllung des göttlichen Willens stellt das verlorene Gleichgewicht in seinem Verhältnis zu Gott wieder her. Dort wo das Opfer keine Anwendung findet, da soll er das Leid, das ihm Gott als Strafe schickt, als willkommene Sühne auf sich nehmen und es freudig bejähen oder durch die Versenkung in Gottes Wort und durch Liebeswerke seinen Willen kundtun, dem verletzten Recht durch irgendeinen Ersatz Genugtuung zu verschaffen. Aber neben dieser Betätigung in Gerechtigkeit darf auch die Liebe nicht fehlen. Die allein ist’s ja, die der Sühne erst die rechte Weihe gibt, ohne die sie unvollkommen und darum wirkungslos bleibt.