Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 483 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Schuld und Sühne♦ 483 gegentritt, nennen wir es Gott und "Welt, Stoff und Form, Körper und Seele, Selbsterhaltung und Fortpflanzung, Egoismus und Altruismus u. s. f. Aber als Kräfte nur, als Triebe sind sie in uns vorhanden, nur der Anlage nach, wir sind nicht schlecht von Haus aus. Und wenn wir reifen, das Bewußtsein von unserem Selbst erlangen, die Fähigkeit besitzen in das Getriebe der beiden Kräfte Einsicht zu gewinnen, dann bestä־ tigt sich uns, was die Erziehung uns gelehrt, daß es unsere Aufgabe ist, das Böse zu überwinden. Zu überwinden, nicht auszurotten; denn es ist überhaupt nicht das Böse an sich, es wird nur zum Bösen, wenn es die Uebermacht gewinnt, wenn es seine Schranke überschreitet. Ist es ja eine Schöpfung Gottes, der, wie er das Licht bildet und die Finsternis schafft, so auch das Gute macht und das Böse schafft. Eine Schöpfung, die seiner Liebe entspringt. Jeder Fortschritt, jede beglückende Betätigung kann nur dem Kampfe entsprießen, und der höchste Preis, höher noch als er den reinen Geistern zu Teil wird, die den Streit, der auf Erden tobt, nicht kennen, wird dem zu Teil, der durch Kampf zum Siege sich durchgerungen. In Gegnerschaft zu zwei Anschauungen setzt sich so die jüdische Gedankenwelt durch. Zuerst gegen das Christentum, das, den Dualismus übertreibend die Selbständigkeit des Bösen proklamierte. Es ist wahrlich nicht bloß eine dogmatische Differenz, die hier das Christentum vom Judentum scheidet. Die außerordentliche Bolle, die der Teufelsglaube in ihm spielt, der wieder die schmählichen Hexenprozesse im Gefolge hatte, ist nur zu erklären aus der Stellung, die man dem Prinzip des Bösen zuwies. Und wie hier das Denken des Menschen in den Bann geschlagen wurde, so wurde auch das Gefühl durch die Vorstellung von der Herrschergewalt des Bösen vergiftet. Das alles Maß überschreitende Schuldgefühl, das sich in den Excessen klösterlicher Askese, in dem Wahnsinn der Flagellanten, selbst noch in den Seelenkämpfen eines Luther entlud, ist nur zu erklären aus der Tyrannis, die nach christlich-theologischer Auffassung der Satan selbstherrlich ausübt. Und es