Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 482 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Schuld *and Sühne. echt jüdisch gedacht, freilich nicht sehr modern. Ob man es Individualismus nennt oder sittliche Autonomie, ob Selbstbe- Stimmung oder Freiheitsdrang, ob die Herrschaft der Vernunft oder unendlichen Wert der Menschenseele, in allem — vielfach natürlich den Kämpfern unbewußt — liegt der Protest gegen die Alleinherrschaft des Göttlichen, gegen die schlichte Wahr• heit: Gott allein ist König. Man hat sich selbst gefunden, man will nicht gehorchen. Den subjektiven Ernst all derer, die gegen diese Alleinherrschaft der Religion in unserem Leben sich auflehnen, in allen Ehren! Aber von dem Grundgedanken der Religion haben sie sich entfernt, sicherlich von dem der jüdischen Religion, die nur ein Entweder-Oder kennt: Ist Gott der Herr, so bist du Ihm unterworfen und folgst du nicht Seinem Gebot sondern dem eigenen Willen, dann bist du in der Schuld. Seien wir doch ehrlich! Unsere Zeit kennt vielleicht den Begriff der Schuld, weil in ihm auch zum Ausdruck kommt der Abfall von dem Wesen des eigenen Ich, aber kaum den der Sünde. Das wurde mir so recht klar als ich an der obigen Darstellung schrieb. In der Sprache der neuzeitlichen Bildung wollten mir die Worte Sünde und Sünder gar nicht in die Feder. Sie kennt Verbrecher, die gegen das Recht des Staates sich vergangen, sie kennt Schuldige, die gegen das Sittengesetz verstoßen, aber der religiöse Begriff der Sünde klingt völlig veraltet. Und nun die Stellung des bösen Triebes! Der Dualismus, der tief begründet ist in der Wirklichkeit — und alle philosophischen Bestrebungen vermögen das nur zu verdunkeln, werden aber an der Sache nichts ändern — wird überwunden durch den des religiösen Monismus. Es schlummern in uns zwei entgegengesetzte Kräfte *die eine will sich von der anderen trennen, die eine hält sich an die Welt mit klammernden Or~ ganen, die andere hebt gewaltsam sich vom Duft zu den Ge• filden hohen Ahnen.״ Diese beiden Kräfte sind Realitäten, es ist nicht wahr, daß sie nur Spiegelungen menschlichen Denkens und Werfens sind. Sie sind nur eine Abwandlung des Gegen• satzes, der durch das ganze Sein geht und uns allüberall ent-