Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 481 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Schuld und Sühne. 481 II. Im Fluge sind die Gedanken unserer Weisen über Schuld und Sühne an uns vorüber geeilt. Wir müßten bei jedem länger verweilen und sie viel ausführlicher zu uns reden lassen. Doch ist es gut, sich einmal in Kürze einen Gesamtüberblick zu verschaffen, zumal die Aussprüche überall hin verstreut sind und wir nirgends eine systematische Darstellung erhalten. Ein jeder wird an der Darstellung, die wir gegeben, etwas auszusetzen haben, denn sie ist ja rein subjektive Zutat. Doch wird jeder Kenner unserer Literatur uns zugeben, daß die Grundlinien richtig gezeichnet sind. Was lehrt uns das Gesamtbild? Es legt wieder Zeugnis ab von der Gesundheit des jüdisch-religiösen Empfindens, wenn wir so sagen dürfen, von der rechten Mischung des rationalen und irrationalen, die unsere Religion auszeichnet. Wohl fehlt es an der unerbittlichen logischen Durchführung einer Grundforderung bis in die letzten Konsequenzen, wie sie die Scholastiker für den Katholizismus gegeben, es fehlt an der abgrundtiefen Mystik, die so tief ist, daß auch die Bekenner sie nicht verstehen, es fehlt an den Uebertreibungen, die Luthers Innere in der Klosterzelle zerrissen. Es sind Widersprüche vorhanden, aber Widersprüche, die eben in dem Doppelwesen des Menschen gegeben sind, in der beschränkten Vorstellung des Menschen vom Wesen Gottes wurzeln und deren Lösung nur zum Widersinn führt, will man um der Logik oder um der Mystik willen alles restlos auf ein Prinzip zurückführen. Aber nur soweit geht der Widerspruch. Im übrigen wachsen alle Vorstellungen über Schuld und Sühne organisch aus der religiösen Gesamtanschauung des Judentums empor. ״Wen hab ich sonst im Himmel und bei Dir begehre ich nichts auf Erden.64 In Gott allein sind wir und nur durch Gott leben wir, die schlechthinnige Abhängigkeit von Gott, das ist der eine Gedanke. Jeder Gedanke, jedes Empfinden, jede Handlung ist darum Gottesdienst d. h. Herrendienst, und jede Verletzung dieses Dienstes darum^eine Verleugnung der schuldigen Demut, eine Auflehnung gegen Gott. Das ist 31*