Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 472 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Schuld und Sühne. Weisheit“ steht offenbar für die Hagiographen) belehrt uns darüber, daß hier eine Steigerung in der Sache beabsichtigt ist. Es kann keine Rede davon sein, daß die verschiedenen Angaben über die Sühne einander widersprechen. Ist doch den Weisen jedes Wort der Schrift gleich heilig. Alle angegebenen Formen der Sühne finden ihre Anwendung und werden auch im Talmud und Midrasch eingehend behandelt. Aber der erwähnte Midrasch gibt uns darüber Auf- Schluß, von welchem Gesichtspunkt man die verschiedenen Formen zu werten hat: Die Weisheit, der natürliche Verstand und die Erfahrung sagt uns, daß jede Lust, die uns die Sünde gebracht, mit Leiden gebüßt werden muß. Die Propheten aber, die an das Verhältnis des Menschen zu Gott die höchsten Anforderungen stellen, sehen in jeglichem Abfall von Gott, den die Sünde involviert, ein todeswürdiges Verbrechen, das nur im Tod seine Sühne findet. Das Gesetz* der Thora gibt das Mittel in die Hand, in dem stellvertretenden Opfer, das mit der entsprechenden Gesinnung der völligen Hingabe an Gott dargebracht wird, sich vom Tode zu lösen. Gott aber in seiner Allgüte begnügt sich dort, wo das von ihm in der Thora vorgeschriebene Opfer nicht Anwendung findet oder finden kann, mit der rein innerlichen Abwendung von der Sünde, wie sie in der Reue zu Tage tritt. Im einzelnen: Als selbstverständlich gilt, daß jede Schuld nur ihre Sühne findet, wenn das Vergehen, soweit es in Menschenhand liegt, gut gemacht ist. Darum kann keine Verletzung der Rechte des Mitmenschen durch irgendwelche Form der Sühne dem Sünder die Verzeihung Gottes bewirken, wenn das Recht nicht wieder hergestellt ist3). Ebenso steht fest, daß die Gerechtigkeit Gottes an sich für jede Schuld die Sühne fordert. ״Das Gericht ist ein Gericht der Wahrheit“. Das Recht des Menschen ist bei Gott wohl aufgehoben, wenn er auch als Einzelner richtet4). Wer aber glaubt, daß Gott 3) Joma 8.8. l) Aboth 3,16.