Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 9 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 469 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Schuld und Sühne. 469 Der Mensch darf sich dadurch freilich nicht beirren lassen, daß der böse Trieb eine Schöpfung Gottes ist. Denn ״du sollst über ihn herrschen“ heißt es Gen. 4, 7. Grundanschauung bleibt immer, daß er dem Menschen in die Hand gegeben ist, der ihn mit starker Anstrengung zu überwinden vermag. Es ist nur eine Frage der Wahl, die Einen entscheiden sich für das Gute, die Anderen für das Böse5). Thorastudium und Liebeswerke sind die vorzüglichsten Mittel, ihn unschädlich zu machen 6). Da Selbstvergötterung und Eitelkeit, wie erwähnt, zumeist der Urgrund der Schuld, so ist der Gedanke an den niedrigen Ursprung des Menschen und den Tod nicht minder von Nutzen für die Niederringung des bösen Triebes7). Auch die Mittel der Askese 'sind( nicht zu verschmähen. Denn Reichtümer und Überfluß an Besitz una Schönheit bringen den Menschen auf Abwege 8). Ein nasiräiseher Jüngling opferte sein prachtvolles Haar weil ihm sein Spiegelbild seine Schönheit gezeigt und ihn zur Sünde verlocken wollte9). Doch wird nicht daran vergessen, daß auch Frohsinn und Heiterkeit, in den .Dienst Gottes gestellt, dem bösen Trieb zu begegnen weiß. Ein Weiser meint: Kommt er, um dich zum Leichtsinn zu verleiten, so stoße ihn nieder durch die Beschäftigung der Lehre. Der andere aber sagt: Erfreue ihn durch die Worte der Lehre 10). Aber wenn auch die Anschauung vorherrscht, daß dem Menschen Freiheit gegeben und er die Fähigkeit besitzt, sich im Kampfe zu behaupten, so wurzelt doch tief das Bewußtsein von der menschlichen Schwäche und der Hilflosigkeit gegenüber den Mächten der Verführung. Nur der Gnade Gottes danken wir es oft, wenn wir bestehen, weil Er uns zu Hilfe kommt. Darum die mannigfachen Gebete in Bibel und Talmud und auch in unserer Liturgie, daß Gott das Herz stärken möge, uns lehre seine Wege zu wandeln, uns zu- B) Koheleth R. zu 9, 4. 7) Aboth. 3,1. 9) Nedarim 9 b. 6) Aboda sara 5 b. s) Berachoth 32 a. 10) Gen. R. 22,6.