Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 455 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Proselyten einst und jetzt. 455 und Vorsteher der Jeschiwa zu Mir der Ansicht Ausdruck gab, daß es doch der jungen Generation nicht leicht sei, ausserhalb des neuen Lebens zu verharren, und man doch ihr nicht Opfer auferlegen könne, die über ihre Kraft gehen, gab er mir die unbefangene Antwort: Warum ist es uns möglich, und warum vermochten es unsere Väter? Es kommt nur auf die Kraft des Wollens und des Duldens an. Ist einem diese Kraft abhanden gekommen, dann ist er für das Judentum verloren. Ich war selbstverständlich völlig entwaffnet. Ich vermochte nichts zu erwidern. Ich wollte in ihm nicht die schmerzlichen Erinnerungen daran wachrufen, was er an seinen eigenen Kindern erfahren habe1). Einst pflegte ich eine diesbezügliche Unterhaltung mit den! Nestor der russischen Rabbiner, Rabbi Benzian aus Bjelsk, in deren Verlauf wir auf Rabbiner Hirsch und die deutsche Orthodoxie zu sprechen kamen. Der greise Rabbi sprach mit grosser Begeisterung von der Frömmigkeit des Rabbiners Hirsch. Auf meine Frage: Warum sollen auch wir nicht danach streben, eine mit allen Vorzügen ג) Babbi Israel Salanter hegte heimlich den großen Gedanken, den Typus eines der Thora und dem Glauben ergebenen gebildeten Juden heranzubilden. Zu diesem Behufe hatte er einen seiner erprobtesten Schüler, Einhorn mit Namen, einen durch Begabung sowohl wie durch Frömmigkeit ausgezeichneten Jüngling, dazu ausersehen, daß er nach Deutschland gehe und dort dem medizinischen Studium obliege. Rabbi Israel hoffte, durch das Beispiel seines Schülers auf die anderen jüdischen Aerzte einzuwirken. Allein dieser Versuch nahm einen sehr unglücklichen Verlauf. Sein Schüler Einhorn wurde tatsächlich ein berühmter Arzt, er erklomm bald einen hohen militärischen Bang im russischen Heere — und ließ sich taufen! Dieser Vorfall diente lange als ein warnendes Zeichen. Der jüngere Bruder des besagten Dr. Einhorn, ebenfalls Militärarzt von Beruf, gab unter dem Eindruck des traurigen Familien ereignisses seine Stellung auf und flüchtete heimlich nach Wilna, wo er als armer Panisch im Beth-Hamidrasch ״lernte“, bis er schließlich von der nach Landstreichern fahndenden russischen Polizei entdeckt wurde... Der jüngere Dr. Einhorn lebt noch heute in einem Städtchen des Gouvernement Grodno als überaus frommer und thoratreuer Jude. (Er ist der Vater des jungen jüdischen Dichters David Einhorn). Der Eindruck dieses traurigen Falles auf Babbi Israel selbst war aber so stark, daß er fortan den Gedanken einer harmonischen