Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 454 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Schulfragen im Ostjudentum. und noch heute die ״Aufgeklärten“ anzunehmen geneigt sind. Wer die litauischen Rabbiner kennt, diese Intellektualisten par excellence, wird diesen Männern schwerlich ]Furcht vor der Vernunft nachsagen können. Die Scheu vor der Bildung bei den Rabbinern entspringt vielmehr ihrer eifervollen Sorge um die altjüdische Kulturart, die durch eine übermächtige fremde Kulturmacht gefährdet ist. Man denke daran, dass uns der Talmud nie als bloßes Gesetzbuch oder gar als religiöser Katechismus galt, sondern vielmehr der Niederschlag eines vollausgebildeten allseitigen und umfassenden Kulturgeistes war, der der inneren Weit unseres Volkes sein unverwischbares jüdisches Gepräge verlieh. Aus dem lauteren Quell des Talmuds schöpfte der Jude eine ]Fülle von Gedanken- und Gefühlswerten, seine Welt- und Lebensanschauung—kurz, sein gesamtes geistiges Menschentum. Am Talmud bildeten sich Kopf und Herz, der Talmud wies Willen, Ziel und Richtung. Alle Schaffenskräfte des Geistes, die gesamte sittlichgeistige Energie, alles fand im Talmud Erfüllung. Die Gegnerschaft der Rabbiner gegenüber den fremden Sprachen richtet sich nicht gegen diese selbst, sondern vielmehr gegen die mit dem Sprachstudium verbundene Not- Wendigkeit der eingehenden Beschäftigung mit der betreffenden Literatur und der gesamten Geisteskultur. Gegen die Aneignung von Sprachkenntnissen durch den unmittelbaren Umgang haben auch sie nichts einzuwenden. Durch die übliche Spöttelei auf Kosten der Rabbiner stellen sich die Maskilim selbst ein Armutszeugnis aus. Hier handelt es sich nur um die Frage, welcher Ideenkreis auf den jüdischen Geist entscheidenden Einfluß gewinnen wird, der der jüdischen oder der fremden Kultur. . Woher soll der Jude die geistigen Säfte seiner Persönlichkeit schöpfen, aus eigenem oder aus fremdem Erdreich? Was die Rabbiner erstreben, ist einzig und allein die Erhaltung des reinen Judentums. Sie bietet ihnen eine Gewähr für den Fortbestand des Judentums. Als ich einmal in einer Unterhaltung mit meinem verehrten Lehrer, dem berühmten Gaon Rabbi Eiiah Baruch Kamai, Rabb