Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 449 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292964--01584-2294841- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schulfragen im Ostjudentum. 449 In Litauen und Samogitien Kegen die Verhältnisse umgekehrt. Die Eltern haben den Wunsch, ihre Kinder in der russisehen Sprache und in anderen Realien unterrichten zu lassen. Allein die unergründliche russische Staats Weisheit verbietet hier unter Strafe den russischen Sprachunterricht innerhalb des Cheders zu pflegen. — Es versteht sich von selbst, daß man sich seitens der Gesetzestreuen nie darum ernstkeh bemüht hat, die Abshafiung dieses Verbotes zu erwirken.—Die Juden sind also gezwungen, sich einen anderen Ausweg zu suchen, und sie finden ihn in den größeren Städten wenigstens, in den privaten Schulen, oder in dem vom Hauslehrer erteilten Unterricht. Allein nur eine dünne Schicht von Wohlhabenden vermag sich dieses Auskunfsmittels zu bedienen. Der einfache Mann des Volkes nimmt es sich kaum zu Herzen, wenn seine Kinder ohne jegKches weltKches Wissen aufwachsen. Der Gedankengang eines frommen Vaters gipfelt in folgender Erwägung: wird mein Sohn im Tora-Studium erfolgreich sein, nun, dann gehört er der Jeschiwa, wo er schon seinen Weg finden wird. Wird er aber keine besondere Neigung zur Tora an den Tag legen und sich dem Handel oder einem Handwerk zuwenden, dann wird er das erforderKche Maß praktischen Wissens von selbst durch den steten Umgang mit der Umgebung sich aneignen. In den kleinen Städten bewährt sich dieses fromme Kalkül tatsächlich. Können die Kinder den Weg zu einem bürgerKchen Berufe nicht finden, dann erfolgt die Abwanderung der jungen Generation nach den Großstädten oder die Auswanderung nach Amerika. In den Großstädten, wo das Unterkommen in den verschiedenen Berufszweigen eine gewisse Vorbildung und ein bestimmtes Maß praktischen Wissens erforderKch macht, ist die Erage des profanen Unterrichts fortwährend akut. Tatsächlich bietet das innere Leben der frommen Famüien in den Großstädten ein Bild großer Verwirrung. In den meisten Fällen beugen sich die Eltern der unerbittlichen Forderung des Lebens oder sie entziehen sich überhaupt der Aufsicht über ihre Kinder, indem sie es ihren Kindern überlassen, nach eigenem Willen zu handeln, um