Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 448 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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448 Schulfragen im Ostjudentum. keine öffentlichen Institutionen, sondern lediglich Privatunternehmungen des Melameds sind, und daher keinerlei Kontrolle unterstehen. Geschulte Lehrkräfte oder Lehrmittel gibt es nicht, und während in den früheren Jahren sich noch viele begabte Männer dem Berufe eines Melamed widmeten, unter denen sich immer viele fanden, die durch natürliche Begabung und ihren angeborenen pädagogischen Instinkt den Mangel an Vorbildung und Kenntnissen auszugleichen vermochten, ist in den letzten Jahren ein schwerer Mißtand eingetreten. Die Zahl der befähigten und pädagogisch qualifizierten Lehrer verringert sich von Tag zu Tag, so daß tatsächlich eine unausgesetzte Auslese der Untüchtigen stattfindet. Es ist soweit gekommen, daß in Litauen und Samogitien der Talmudcheder fast gänzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Die Ursache ist der Mangel an geeigneten Lehrkräften. Für diejenigen, die ihre Söhne im Talmud unterweisen lassen wollen, bleibt so kein anderer Weg, als ihre Kinder in eine Jeschiwa zu schicken, damit sie dort bei einem Jeschiwabachur talmudischen Unterricht nehmen. Es liegt auf der Hand, daß nicht alle Eltern gewillt sind, ihre Kinder in die Fremde zu schicken, wo die Kosten des Unterhalts hoch zu stehen kommen und wo die Kinder die väterliche Aufsicht und mütterliehe Fürsorge entbehren müssen. Was nun den weltlichen Unterricht anbetrifft, so herrschen in Litauen und Samogitien ganz andere Verhältnisse als in Polen. In Polen schreibt das russische Gesetz jedem Melamed vor, einen Lehrer anzustellen, der Schüler seines Cheders in der russischen Sprache und in den Realien zu unterweisen hat. Die Eltern aber und mit ihnen auch die Melamdim selbst setzen alles daran, um dieses Gesetz zu umgehen—wobei sie vor keiner List, auch vor solcher, die die Einbildungskraft eines phantasiebegabten Europäers übersteigt, zurückscheuen. Schlimmstenfalls läßt man die Kinder der Armen und die Unbegabtesten, die ״Goischen Chochmes“ lernen, die dann dem von Zeit zu Zeit kontrollierenden Beamten als Ausbünde staatlicher Bildung vorgeführt werden, während man die anderen. Kinder während der Kontrolle einfach verschwinden läßt.