Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 441 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdisch-deutsche Sprache. 441 Volksseele ausübt, die dichterische Verherrlichung des Talmuds, die Bewunderung der Talmudjünger, die ihr ganzes Leben dem heiligen Talmudstudium weihen. Vom rein literarischen Standpunkte aus gesehen, gehören manche jüdisch-deutschen Werke des 19. Jahrhunderts der Weltliteratur an. Den großen Satiriker S. J. Abramovitsch (Mendele Moicher Sforim nach einem Haupttypus seiner Schriften genannt) könnte man als den Swift des Ghettos bezeichnen. Der kürzlich verstorbene S. Rabinowitsch (Scholem Aleichem) ist der größte Humorist der Ostjudenheit. Seine köstlichen Kleinstadtgeschichten sind mit einem wunderbaren Humor gewürzt, der unsere ostjüdischen Brüder wieder lachen gelehrt hat. Die Typen seiner Erzählungen sind sprichwörtlich, und es genügt, ihre Namen zu erwähnen, um betrübte Gesichter aufzuhellen. Man hat Rabinowitsch den Mark Twain des Ghettos genannt. Zu den hervorragenden jüdisch-deutschen Lyrikern gehört der berühmte Morris Rosenfeld, der Sänger proletarischer Not und jüdisch-nationaler Hoffnungen, S. S. Frug? der Dichter wunderbarer Naturpoesien und Balladen (״Dem Schamm.es Tochter״) und J. L. Perez, der zugleich auch ein trefflicher Novellist war und überhaupt stark unter dem Einflusse der modernen europäischen Literatur stand. Das moderne jüdisch-deutsche Theater hat in Schalom Asch und A. Goldfaden seine bekanntesten Dramatiker. Es gibt große jüdisch-deutsche Bühnen in W arschau, London und New- York. Am Schlüsse dieser knappen Literaturskizze sei noch kurz die journalistische Bedeutung der jüdisch-deutschen Sprache erwähnt. Das Erscheinen von großen jüdisch-deutschen Tages- Zeitungen, wie der ״Haint״, das ״Leben״, der ״Moment“ in Warschau, die ״jüdische Welt״ in Wilna und die ״Zeit“ in Petersburg zeigt, daß die jüdisch-deutsche Sprache auch auf dem Gebiete der Presse auf der Höhe moderner Sprachen steht.