Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 437 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Die deutsch-jüdische Sprache. 437 erteilen heißt benschen (lat. benedicere), die Tribüne, auf der man in der Synagoge der Verstorbenen gedenkt, Almemor (lat. memor), das Verzeichnis der Verstorbenen Memorbnch. Es liegt hier vielleicht ein Einfluß der mittelalterlichen Kirchensprache vor, was uns nicht in Erstaunen versetzen wird, wenn wir bedenken, daß auch das von uns in neuerer Zeit übernommene Wort ״Predigt“ der Kirchensprache angehört und lateinischer Abstammung (praedicare) ist. Während der deutsche Jude ״beten“ mit oren (lat. orare) widergibt, sagt der Ostjude dafür dawnen, was möglicherweise auf das lateinische devovere zurückgebt, wahrscheinlicher aber in dem hebräischen Verbalstamm דבב (Hohelied 7,10) seine Wurzel hat. Nur ein kleiner Bruchteil (etwa 10%) des jüdisch-deutschen Wortbestandes ist slawischen, vornehmlich polnischen, teilweise auch russischen Ursprungs. Diese slawischen Bezeichnungen, fast die einzigen Spuren der Einwirkung der slawischen Umgebung auf das Jüdisch-Deutsche, dienen hauptsächlich zur Benennung von Gegenständen des täglichen Bedarfs und beziehen sich größtenteils auf Kleidung, Nahrung und Beruf. Auf diesen Gebieten ist ja bei noch so strenger Abschließung eine Berührung mit der Umwelt nicht zu vermeiden. Daher ist es auch erklärlich, daß die in England und Amerika eingewanderten Ostjuden diese slawischen, dem täglichen Leben angehörenden Ausdrücke durch englische ersetzt haben. Hier wäre noch zu erwähnen, daß auch einige romanische Wörter ihren Weg ins Jüdisch-Deutsche gefunden haben: plet (billet), sarven (servir), kapote (capote), scholent (chaulent). Es sei noch kurz die Frage gestreift, ob es eine Grammatik der jüdisch-deutschen Sprache gibt. Die Frage aufwerfen heißt sie bejahen. Jede Sprache ohne Ausnahme ist in der Struktur ihrer Laute. Formen und Sätze von bestimmten Gesetzen beherrscht, deren Aufdeckung die Aufgabe der Sprachforschung ist. Eine Willkür würde den Zweck der Sprache, die Verständigung, vereiteln und ist auch schon aus inneren Gründen unmöglich. Die Behauptung von J. M. Jost (Encyclopädie von Ersch und Gruber 1850, Artikel Judendeutsch),