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Jeschurun · 1916-08-01 · Heft 8 (August 1916) · p. Seite 436

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 8 (August 1916)
Date
1916-08-01
Page
Seite 436 (sequence 26)
Language
German
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436 Die deutsch-jüdische Sprache. Hauptwort ״Ding“ vor, das dann als nachtonige Silbe zu ״dig“ verkürzt wurde. Wie oben bemerkt, ist auch das Hebräische, d. h. biblisehe, talmudische und nachtalmudische Wörter, als Koeffizient an der Zusammensetzung der jüdisch-deutschen Sprache beteiligt. Diese hebräischen Elemente sind dem Organismus des Jüdisch- Deutschen fest eingefügt, sie haben deutsche Endungen und werden deutsch flektiert, sind also germanisiert. Man muß sie daher als Lehnwörter und nicht als Fremdwörter betrachten. Sämtliche Ausdrücke, die der Sphäre des religionsgesetzlichen Lebens angehören, sind dem Hebräischen entlehnt. Die Familie und die religiösen Momente im Familienleben werden hebräisch wiedergegeben: mischpoche, briß mile, chassene,choßen,kalle usw. Aber auch das weite Gebiet des Denkens und Empfindens, überhaupt fast aller abstrakten Begriffe ist die Domäne hebräischer Wörter. Denn die Welt der Vorstellungen und Gefühle in der der Ostjude denkt und empfindet, ist die Welt des biblischtalmudischen Schrifttums. Verstand, Weisheit, Torheit, Freude, Schmerz, Neid, Haß und Mitleid werden hebräisch ausgedrückt. Wider Erwarten sind die liturgischen Bezeichnungen nicht dem hebräischen, sondern dem lateinischen Sprachbereiche entlehnt. So heißt das Vorlesen aus der Thora, wie überhaupt jedes Lesen: leinen, was höchstwahrscheinlich auf das lateinische legere1) zurückzuführen ist. Den Segen sprechen oder Segen *) Diese Etymologie ist schon von Buxtorf gegeben worden. Die lateinische Infinitivendung ist wie bei allen ins Jüdisch-Deutsche übergegangenen Lehnwörtern germanisiert, so daß legere zu legen geworden ist. Das ״g“ ging intervokal in ״j“ über, so daß lejen, leien entstand. So zu belegen z. B. im Titelblatt der gereimten Psalmübersetzung von Boesel Fischeis, Krakau 1586. Leien wurde dann später zu leienen erweitert. Die Ableitung vom mittelhochdeutschen leich (Spiel, .Melodie, neuengl. lay) ist unwahrscheinlich, da die Elision des ״ch“ im Jüdisch- Deutschen nicht befriedigend erklärt werden kann. Andere wollen den Ursprung von leinen im aramäischen לעיין (Targ. jer. zu Gen. 3,15) erblicken. Aber die Schwierigkeit, daß das ל nicht wurzelhaft ist, ist nicht zu unterschätzen. Die unzweifelhaft feststehende Etymologie von oren und benschen weist deutlich auf die lateinische Herkunft von leien hin*

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