Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 435 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdisch-deutsche Sprache. 435 Sinne gilt: nomen est omen. ״Scheine“ (bei den deutschen Juden Scheinle Schöne), Freide (Fradl Freude), Liebe, Hinde, Gute, sind einige der am häufigsten vorkommenden ostjüdischen Frauennamen. Die Männernamen sind vorwiegend der Bibel entnommen, aber auch zur Benennung von männlichen Personen wird das Deutsche vielfach herangezogen. Das vielbespöttelte ״Leib“ z. B. ist nichts anderes als Löwe, Löb. Allerdings trägt bei den Männern der deutsche Name im Gegensatz zum hebräischen einen profanen Charakter. Wie auf dem Gebiete des Wortbestandes begegnen wir auch im Bereiche der Formenlehre Spuren aus dem Mittelalter der deutschen Sprache. Nach dem bestimmten Artikel stand im Alt - und Mittelhochdeutschen ausnahmsweise, wenn nachdrückliche Betonung der Eigenschaft angestrebt war, die starke Form des Adjektivums. Diese Erscheinung ist auch in frühneuhochdeutscher Zeit noch oft zu belegen. Das Jüdisch־ Deutsche hat diese emphatische Form der starken Deklination zur Pegel erhoben find sagt beispielsweise: Der guter Freund oder in der Anrede: Gott der Gerechter. Das Mittelhochdeutsche besaß die Fähigkeit, zahlreiche Ableitungen von Part, praes. auf ״ic“ zu bilden. Diese Formen sind im Jüdisch-Deutschen zur Pegel geworden. Sämtliche Partizipia praes. werden durch Anhängung des Suffixes ״ig“ erweitert: z. B. schlofendig, forendig. Das einzige Beispiel dieser mittelhochdeutschen Ableitun gen, das im Neuhochdeutschen noch erhalten ist, ״lebendig“, hat inkonsequenterweise den Ton auf der zweiten Silbe, während das Jüdisch-Deutsche die richtige Betonung auf der ersten Silbe ,.lebedig״ mit Elision des ״n“ (mhd. lebeaic, auch lemtic) bewahrt hat. Im Laufe der Zeit entschwand die Erinnerung an die sprachliche Entstehung der Partizipialformen auf ״ig“ dem Volksbewußtsein, man hielt die Silbe ״dig״ für ein selbstständiges Suffix und verwandelte mit ihrer Hilfe Substantiva in Adjektiva. So erklärt sich einleuchtend die Bildung der bekannten Eigenschaftswörter milchdig, fleischdig, jontefdig. Vielleicht aber liegt hier auch eine Zusammensetzung mit dem