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Jeschurun · 1916-08-01 · Heft 8 (August 1916) · p. Seite 432

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 8 (August 1916)
Date
1916-08-01
Page
Seite 432 (sequence 22)
Language
German
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432 Die jüdisch-deutsche Sprache. der Konsonantismus hingegen ist Gemeingut sämtlicher Dialekte. Ein mittelhochdeutsches kurzes oder langes ״a“ entspricht dem litauischen kurzen oder langen ״o“, während es im polnischen Dialekt zu kurzem oder langem ״u“ wird. Mhd. tac lautet lit. tog, poln. tug; mhd. jär wird lit. zu jor, poln. zu jür. Andere Vokalverschiebungen sind: mhd. sumer, lit. sumer, poln. simer. (Dieser Umlaut des ״ua zu ״iu hat auch die hebräische Aussprache beeinflußt, z. B. borich statt borueh). Mhd. bröt wird im Litauischen zu breit (gleich der Aussprache des hebräischen Vokals Zere), im Poln. zu broit. II. Wenden wir uns nunmehr einer Betrachtung der lexikalischen Zusammensetzung der jüdisch-deutschen Sprache zu. Eine Analyse ihres Wortschatzes ergibt, daß die jüdisch-deutsche Sprache mit Fug und Recht als ein deutsches Idiom zu bezeichnen ist. Man hat berechnet, daß etwa 70 Prozent des Wortbestandes deutsch sind, während nur 20 Prozent hebräische und 10 Prozent slawische Ausdrücke ins jüdisch-deutsche Vokabularium Eingang gefunden haben. Diese Beimischung außerdeutscher Bestandteile bewegt sich durchaus im Rahmen des in der Geschichte der Sprachen üblichen fremden Einschlages. Man bedenke nur, daß auch im Zeitalter des gewaltigsten deutschen Nationalkrieges alle Sprachreinigungsversuche eine Säuberung der deutschen Sprache von den in sie eingedrungenen Fremdwörtern nicht erreichen können, daß vor allem die militärischen Fachausdrücke vielfach nicht dem Boden der deutschen Muttersprache entsprossen sind, sondern aus der Heimat unserer Feinde stammen. Wenn Bezeichnungen wie Artillerie, Infanterie, Rekrutendepot u. a. m. keine Verwelschung der deutschen Sprache bedeuten, dann hat auch niemand das Recht, die jüdisch-deutsche Sprache im Hinblick auf die verhältnismäßig geringe Anzahl von fremdsprachigen Elementen zu einer Mischsprache zu degradieren. Aus der reichen Fülle der deutschen Wörter des jüdischdeutschen Idioms erregen diejenigen unser besonderes Interesse^.

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