Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 430 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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430 Die jüdisch-deutsche Sprache. Das ist in großen Zügen die äußere Geschichte der Ent- Stellung und der Verbreitung der Sprache der Ostjuden. Wie erklärt sieb aber die Erscheinung, daß wir seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch in Deutschland bei den Juden einer Sprache begegnen, die die spezifische Färbung des Idioms der Ostjuden aufweist? Der Grund für diese Tatsache dürfte einmal in dem Einfluß polnischer Rabbiner und Kultus־ beamten, die infolge ihrer anerkannten Gelehrsamkeit in manche deutsche Gemeinde berufen wurden, zu suchen sein. Von entscheidender Bedeutung für die Gestaltung der Sprache der deutschen Juden ist aber die um die Mitte des 17. Jahrhunderts einsetzende Rückwanderung eines Teiles der polnischen Juden־ heit nach Deutschland gewesen. Durch die Verfolgungen des Kosakenhetmans Chmelnicbi wurden die polnischen Juden aus ihrer jahrhundertelangen Ruhe jäh aufgescheucht, und ein Teil von ihnen suchte jetzt wieder in der Heimat der Ahnen, in Deutschland, seine Zuflucht. Mit ihnen kehrte im Zeitalter der neuhochdeutschen Sprache das Mittelhochdeutsche des 14. und 15. Jahrhunderts in sein Geburtsland zurück und hielt in der veränderten Gestalt, die es in Polen angenommen hatte, seinen Einzug in die Häuser der deutschen Juden. Hier herrschte es bis zur Mendelssohnschen Ara und verschwand völlig mit der politischen Emanzipation. Wie steht esnun um die innere Geschichte des Werdens des Jüdisch-Deutschen? Das Mittelhochdeutsche, das die jüdischen Einwan־ derer nach Polen mitbrachten, war kein einheitliches Gebilde. Die Verschiedenheit ihrer Herkunft bedingte eine Mannigfaltigkeit von Dialekten. Die deutschen Mundarten bilden heute noch in ihrer bunten Fülle die deutsche Sprache im eigentlichen Sinne. Die neuhochdeutsche Schriftsprache ist ja nirgends lebendige Mundart eines deutschen Stammes, sondern ein, unter Zugrundelegung der Sprache der kursächsischen und kaiserlichen Kanzlei in Prag, zu Beginn des 16. Jahrhunderts künstlich konstruiertes Mittel zur schriftlichen Verständigung aller Gaue der deutschen Lande.