Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 428 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292964--01563-2294820- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
428 Di© jüdisch-deutsche Sprache. jeder auch nur äußerlichen Assimilation aufrichtete. Diese Abschließung nach außen wurde noch verstärkt durch eine festgefügte, auch weltliche Dinge regelnde Organisation ihrer religiösen Verwaltung. Unter die Zuständigkeit ihrer rabbinischen Gerichte (Bethdin) fielen auch bürgerliche Streitfälle, die jüdische Gemeindeverwaltung (Kohol) löste selbständig neben den rein religiösen auch den großen Komplex pädagogischer und sozialer Aufgaben, und die Vierländersynode (waad arba arozaus) umschloß die in den verschiedenen Provinzen Polens verstreut lebenden Juden zu einer solidarischen Einheit. Auch die wirtschaftliche Stellung der polnischen Juden verlieh ihrem Eigenleben starke Impulse. Sie ergänzten die soziale Schichtung der Polen durch Schaffung eines neuen Handel und Gewerbe treibenden Mittelstandes, der bis dahin in der in zwei Stände, Adlige und Bauern, gegliederten Bevölkerung Polens gänzlich fehlte. Eine weitgehende politische Selbstverwaltung endlich, die ihnen von den noch nicht vom Judenhasse angekränkelten Herrschern Polens eingeräumt wurde, trug mit dazu bei, ein starkes Bollwerk gegen die Umgebung aufzurichten und ihre sprachliche Eigenart zu wahren. Das deutsche Idiom der Juden Polens ging seine eigenen Wege und hielt mit der Entwickelung der großen deutschen Muttersprache nicht gleichen Schritt. Es war ja aus dem lebendigen Strome der Sprache des einstigen Vaterlandes ausgeschaltet. Infolge dieser Abschnürung blieb die Sprache der Ostjuden in ihrer grammatischen Struktur und in ihrem Wortbestände in einem gewissen Grade auf der Entwickelungsstufe des Mittelhochdeutschen stehen und wurde von dem Übergang zum Neuhochdeutschen, der sich um die Wende des 15. Jahrhunderts in Deutschland vollzog, im allgemeinen nicht berührt. Trat so auf der einen Seite eine gewisse Erstarrung der Formen und des Wortschatzes ein, so vollzog sich andererseits die naturgemäße fortschreitende Veränderung, der jede Sprache unterworfen ist, unter anderen Bedingungen und daher auch nach anderen Gesetzen als in Deutschland. Dazu kommt, daß das am jüdischen Schrifttum orientierte Denken und Fühlen