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Jeschurun · 1916-08-01 · Heft 8 (August 1916) · p. Seite 427

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 8 (August 1916)
Date
1916-08-01
Page
Seite 427 (sequence 17)
Language
German
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Die jüdisch-deutsche Sprache. 427 wohner Deutschlands, und zwar wohl hauptsächlich aus Süd- und Mitteldeutschland, besonders im 14. Jahrhundert und später, zum Wanderstabe, dem Attribute des Golus, greifen und in Polen und dem später mit Polen vereinigten Litauen ein Asyl suchen. Hier fanden sie gastliche Aufnahme. Aber der Sprache des Landes, das sie, deren Ahnen seit mehr denn 13 Jahrhunderten auf deutschem Boden wurzelten, so lieblos behandelt hatte, hielten die deutschen Juden auch auf fremder Scholle in bewundernswerter Anhänglichkeit die Treue1). So kommt es, daß das von den jüdischen Emigranten nach Polen verpflanzte Mittelhochdeutsch des 14. und 15. Jahrhunderts Wurzel und Stamm der Sprache der Ostjuden geworden ist. Mitten im slawischen Sprachgebiete erhebt sich seit dieser Zeit eine deutsche Sprachinsel, umbrandet von den Wogen der polnischen Sprache, die wohl im Laufe der Zeit unbedeutende Teile dieses Eilandes überfluteten, im wesentlichen aber sich ergebnislos an dessen Felsenklippen brachen. Was schützte diese sprachliche Enklave vor der Aufsaugung durch die Sprache der Umgebung? Man darf diese Erscheinung nicht ausschließlich der höherstehenden deutschen Kultur der eingewanderten Juden zuschreiben, die sich durch Erhaltung ihrer sprachlichen Be- Sonderheit einen Schutzstoff gegen das Eindringen der niedriger stehenden polnischen Kultur schufen. Vielmehr wurzelt die Ursache für die Bewahrung der sprachlichen Selbständigkeit vor allem in der Tatsache, daß die deutschen Juden nicht in kleinen Gruppen und großen zeitlichen Intervallen nach Polen einwanderten. In diesem Falle wäre ihre deutsche Sprache und Kultur zweifellos untergegangen. Es hat im Gegenteil in verhältnismäßig kurzem Zeitraum die Einwanderung einer großen Masse stattgefunden, deren religiöse und kulturelle Geschlossenheit eine fast undurchdringliche Scheidewand vor ג) Eine Parallele bietet das Idiom der sefardischen Juden, die trotz ihrer Vertreibung aus Spanien an der ihnen lieb gewordenen spanischen Sprache festhielten und noch heute das sogenannte Espagnol oder Ladino sprechen. 28

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