Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 426 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292964--01561-2294818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
426 Die jüdisch-deutsche Sprache. samkeit zuerkennen. Wenn aber die Juden damals in den französisch sprechenden Gebieten des Frankenreiches das Französische beherrscht haben, so haben sie sicher auch in den deutschen Teilen das Deutsche gemeistert. Es ist daher natürlich, daß wir in den jüdischen Glossen und Gutachten des elften, zwölften und dreizehnten Jahrhunderts deutschen Wörtern und Sprüchen begegnen. So stoßen wir schon bei Raschi auf deutsche Glossen. Die reinsten mittelhochdeutschen Wortformen sind uns erhalten in den aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammenden zahlreichen deutschen Glossen eines Schülers des berühmten französischen Lehrers R. Moscheh hadarschan, die die biblischen Erklärungen eines nordfranzösischen Exegeten aus der Schule Raschis erläutern (Karpeles, Geschichte der jüd. Literatur, II. S. 338). Wie sehr die deutschen Juden im 13. Jahrhundert schon mit der Sprache und Kultur ihres Landes verwachsen sind, zeigt die Dichtergestalt des jüdischen Minnesängers Süßkind von Trimberg, in dessen Liedern poetisches Empfinden und jüdisches Leid nach künstlerischer Gestaltung in deutscher Zunge ringt. Leise Ansätze einer Trübung der Sprache der deutschen Juden, die auf ihre Isolierung durch die Verfolgungen der Kreuzzüge und des schwarzen Todes, vielleicht auch auf französischen Einfluß zurückzuführen sind, vermögen jedoch nicht, die Sprache der Juden in ihrem Gesamtbild wesentlich von der ihrer Umgebung zu differenzieren. Nach Ansicht mancher Forscher sprechen die Juden auf deutschem Boden noch bis in das 17. Jahrhundert ein im allgemeinen reines und unvermischtes Deutsch. Hätte nicht unter dem Drucke der mittelalterlichen Verfolgungen eine Massenauswanderung deutscher Juden nach Polen und Litauen eingesetzt, so hätte es wohl niemals eine jüdischdeutsche Sprache in spezifischer Form gegeben. Die schändliche Verleumdung, daß die Juden die Brunnen vergiftet und dadurch die verheerende Seuche des schwarzen Todes über Deutschland gebracht hätten, entfesselte die Volksleidenschaft, die in grauenhafterWeise gegen die jüdische Be völkerung wütete. Daher mußte ein erheblicher Teil der jüdischen Be~