Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 8 (August 1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 422 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Die jüdisch-deutsche Sprache. Die jüdisch-deutsche Sprache. Von Dr. J. Wohlgemuth, Distriktsrabbiner in Kitzingen. Die Umwertung vieler Werte, die eine Folge des Weltkrieges ist, äußert sich auch in dem lebhaften Interesse, das man in der Gegenwart der Sprache der Ostjuden zuwendet. Dieses Idiom, das in Deutschland unter falscher Einschätzung des Verhältnisses seiner Bestandteile Jüdisch-Deutsch genannt wird, im Munde der Osijuden aber als die jüdische Profansprache par excellence die Bezeichnung Jiddisch (in englischer Transskription Yiddish) führt, war bisher ganz zu Unrecht das Stiefkind der deutschen Sprachwissenschaft. Während der Dialekt einiger hunderttausend Sachsen in Siebenbürgen, deren Mundart einen nach Ungarn verpflanzten Zweig der deutschen Sprache darstellt, den Gegenstand gründlicher Studien von seiten germanistischer Kreise bildete, harrt das Jüdisch-Deutsche, das doch auch ein Beis vom Stamme unserer Muttersprache ist und von vielen Millionen Juden inmitten fremdsprachlicher Umgebungen gesprochen wird, noch immer der erschöpfenden philologischen Untersuchung! Zwar fehlt es nicht an Abhandlungen über dieses Thema, die in hebräischen und anderen wissenschaftlichen Zeitschriften verstreut sind. Besonders wertvoll sind die Arbeiten von A. Landau (in Deutsche Mundarten I 2, Wien 1896) und eine Heidelberger Dissertation von Jakob Gerzon ״Die jüdisch-deutsche Sprache, eine grammatisch-lexikalische Untersuchung ihres deutschen Grundbestandes״ (Köln 1902). Aber eine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung des Jüdisch- Deutschen in grammatischer und etymologisch-lexikalischer Hinsicht haben wir noch von der Sprachwissenschaft zu erwarten, die uns dieses Werk bei dem gegenwärtigen warmen Interesse für das Jüdisch-Deutsche hoffentlich nicht mehr allzulange vorenthalten wird. Die Hauptarbeit wird die Germanistik zu leisten haben, aber auch geschulte Kenner des Hebräischen und der slawischen Sprachen werden ihre Wissenschaft in den Dienst der Erforschung des Jüdisch-Deutschen stellen müssen.