Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1916-07-01 · Heft 7 (Juli 1916) · p. Seite 409

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 7 (Juli 1916)
Date
1916-07-01
Page
Seite 409 (sequence 63)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2292929-2292955-2292963--01543-2294799
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Für Ost und West. 409 hüben und drüben finden. Und das Allheilmittel für die seelische Gebrochenheit des modernen Juden, das der wesenhafte Nationalismus geben kann? Arbeit, jüdische, nationale Arbeit! Wirken in und für die Gemeinschaft! Wir wollen den Wert einer solchen Parole für den Einzelnen, der allen Halt verloren hat, durchaus nicht schmälern. Aber hier ist es ja mehr, muß mehr sein als ein Notbehelf, ein vollwertiger Ersatz für alle religiöse Gemeinschaft und Verbundenheit, ein letztes geistiges Ziel für unser ganzes Volk. Und hier ruht die Gefahr. Man sieht auf halbem Weg ein Ziel und bleibt dort stehen, man wagt nicht den letzten entscheidenden Schritt: das Entweder—Oder des Glaubens, den Weg zum alten angestammten Judentum. In solcher Zeit der Krisis aber ist es Pflicht, alle Kräfte um das letzte Ziel zu sammeln, denn das Schicksal unseres Volkes ruht auf seinem Bekenntnis zur alten Religion, zum Thoraj udentum. Der erste Ruf zur Selbstbesinnung kann in Westeuropa nicht gleich den vollen Umschwung bringen. Aber dass Männer von solch sittlichem Ernst und klarem Blick sich zur Führung eines Volkes berufen glauben, dessen Glaubens- und Lebenswelt, dessen tausendjähriger Überlieferung sie selbst fremd gegenüberstehen, dazu fehlt uns der psychologische Schlüssel. Nur ein Beispiel sei gebracht: Man schreibt an mehreren Stellen den vierbuchstabigen Gottesnamen, den Jahrtausende hindurch kein Jude, der zur Gemeinschaft zählen wollte, über die Lippen brachte. Keiner fühlt oder weiß, daß man das Empfinden des Volkes verletzt, sein Heiligstes entweiht. An dem sittlichen Ernst und dem ehrlichen Streben der Männer, die das Wort hier führen, soll nicht im entferntesten gezweifeit werden. — Die warme kraftvolle Sprache, das Pathos, dessen Überschwang ja manchmal die innere logische Unzulänglichkeit verdeckt, besticht die Jagend nur zu leicht und täuscht über den Gegensatz hinweg. Darum haben wir ihn hier hervorgehoben. Wir müssen vom Standpunkt der Thora aus werten. Was die Zeitschrift an G-utem bringt, haben wir zum großen Teil bereits gewürdigt. Es klingt ein sehnsüchtiger Ruf hindurch nach Selbstbesinnung, Sammlung, Einigung. Wir hoffen, daß er nie verhallen ־wird. Harry Levy. Für Ost und West. Eine Anregung. Das deutsche gesetzestreue Judentum hat ein tiefes inneres Recht beim Stimmengewirr der Parteien Vertreterin des jüdischen Volkes zu sein, ein psychologisches Recht, das alle anerkennen sollten, denen es Emst um die Sache ist. Es hat lebendige Fühlung mit der Welt des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.