Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 410 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Für Ost und West. Ostjudentums, es allein kann der Seele des Volkes nahe stehen. Nicht nur, daß das Band der Religion ja immer einschneidender und tiefer greifend wirkt, als irgendeine reine Bluts-, Volks- oder auch Kulturgemeinschaft — zumal der jüdischen Religion, die so entschieden auch das persönliche Leben des Alltags umfaßt — nicht nur, daß ihre geistige und seelische Struktur doch noch viel tiefer verwachsen ist mit den alten Kulturgütern unseresV olkes, es ist eine tiefere Einheit, die den einzelnen und die Gemeinschaft hier umschlingt. Nicht die Gemeinsamkeit der Religion gründet die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft — sie ist selbst ein wesentlicher Quell unserer Religiosität: ״Die Lehre, Israel und Gott sind eins*, lautet ein Satz, der tief aus dem Geiste der jüdischen Religion geboren war. Der gesetzestreue Jude kann sich zum Ostjuden nicht beziehen, wie zu einem Gegenstand seiner Wohltätigkeit, dem Objekt seiner ״jüdisehen* oder philanthropischen Betätigung — er hat auch nicht den Abstand des Arztes zu seinem Patienten, des Psychologen zu seinem Klienten, er muß mit ihm leiden, er ist mit ihm, für ihn verantwortlich. Wo irgend die Ehre eines Juden verletzt, ist auch die jüdische Ehre bedroht, unser Judentum selbst berührt, und jeder einzelne steht Bürg- Schaft für den andern. Diese Verantwortung ist auch keine äußere Pflicht, die irgendein gesellschaftliches Verhältnis uns auf erlegt, sondern ein Imperativ unseres persönlichen Judentums. Wir wollen daher hier eine Anregung geben, die 11. E. eine Ehrenpflicht für uns bedeutet. Die Wunden, die dieser Krieg dem Ansehen des jüdischen Namens geschlagen, sind klaffend und tief. Hier gilt es, so bald wie möglieh, unparteiisch, sachlich und ernst, ohne Eifer und Sentimentalität, Material zu sammeln, aus der Fülle der Beschuldigungen, Verdächtigungen und Verleumdungen, das Berechtigte vom Falschen zu scheiden. Man wird dann sicher finden, daß vieles erdichtet, übertrieben und entstellt• gewesen. Man wird erkennen, was lediglich Produkt der kriegerischen Phantasie, unberechtigte Verallgemeinerung war, und wo ein wirkliches sittliches Manko unseres Volkes sich gezeigt. Manches auch soll erklärt und entschuldigt werden, manches wird als Fehlereines Vorzugs, als Schwäche einer Tugend erscheinen — Auch was auf das Konto der Verhältnisse zu schreiben ist, muß hier in Abzug gebracht werden. Wir denken nicht an eine schwächliche Apologetik, wo sich Mängel und Schwächen gezeigt, da wollen wir Einkehr und Umkehr halten. M. M. i!!!!!1 Druck von Max Schmersov/, Kirchhain N.-L. Verantwortlicher Redakteur Dr. J. Wohlgemuth, Berlin. Verlag des Jescnurun, Berlin.