Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 396 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Von der weltkulturellen Bedeutung u. Aufgabe d. Judentums, Tage. Und ebenso das deutsche von Fichte bis zu den Bekenntnissen der heutigen Zeit. Der Gedanke ist hier nicht maehtpolitisch und wirtschaftlich wie bei England gefaßt, nicht wie bei den Franzosen, die als grande nation auf die anderen Völker verachtungsvoll herabsehen, sondern ethisch orientiert und mit der Menschheitsidee verbunden. Und endlich das Problem des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft ist im Deutschtum und Judentum gleich gelöst. In den ethischen und sozialen Lehren des Judentums ruht der Schwerpunkt durchaus auf der Gesamtheit. Alle Gebote und Verbote der Thora, alle Versprechungen und Mahnungen wenden sich an die Gesamtnation. Dabei bleibt aber, wie das jedem Kenner jüdischer Geschichte und jüdischen Wesens vertraut ist, der stark individualistische Zug des jüdischen Charakters bestehen. Der Staat wird beschränkt durch die sittliche Idee, die allein seine Überordnung über den einzelnen rechtfertigt. Versündigt sich der König gegen diese Idee, so tritt ihr Vertreter, der Prophet auf, der ihn zurechtweist, ja seines Amtes entsetzt. Dieselbe Gedankenrichtung kennzeichnet auch die deutsche Ethik und die deutsche Staatstheorie. Die Auffassung der Gesellschaft als des im Verhältnis zum Individuum höheren Begriffs ist ein Grundpfeiler des deutschen Denkens. Und im praktischen Leben, in der realen Gestaltung des nationalen Daseins tritt das ebenso deutlich hervor. Unter dem, was die Feinde Militarismus nennen, ist jene völlige sittliche Unter- Ordnung jedes einzelnen unter die Gebote der Gesamtheit zu verstehen, jene unerhörte Kunst der Organisation und Disziplinierung der Nation, die das Geheimnis der Stärke und der Erfolge der Deutschen sind. Die ursprünglichste Parallelität, die das Deutschtum und Judentum verknüpft, liegt in einer in gewisser Hinsicht gleichgerichteten Wesensveranlagung beider Völker. Sie sind die trotzigsten, steifnackigsten.zähesten.widerspruchsvollsten Völker der Geschichte. An seiner inneren Uneinigkeit ist der altjüdische Staat zu Grunde gegangen. Kein Volk ist heute noch innerlich so gespalten und zerrissen, wie das jüdische. Und