Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 395 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Von. der weltkulturellen Bedeutung u. Aufgabe d. Judentums. 395 aus. Denn der Charakter und die Mission des neunzehnten Jahrhunderts bestand eben im Negativen. Die alte Gesellschaftsordnung war morsch geworden. Eine neue Organisierung der Gesellschaft mußte an ihre Stelle treten. Dazu mußte das alte System niedergerissen werden und diese Arbeit des Niederreißens zu vollbringen war die historische Aufgabe des 19. Jahrhunderts. Alle großen Bewegungen dieses Jahrhunderts: die demokratische Strömung, die kapitalistische Gesellschaftsordnung, der ökonomische Liberalismus, die sozialistischen Richtungen, der Materialismus, der Darwinismus, sie alle standen im Dienste dieser Aufgabe. In diese historische Mission des 19. Jahrhunderts paßt sich das . Judentum harmonisch ein. Die osteuropäische Judenheit lebt freilich noch wie im Mittelalter. Soweit sie sich aber aus eigener Kraft emanzipiert hat, ist sie Führerin aller liberalen und revolutionären Richtungen. Das war nach dem Verfasser die weltkulturelle Bedeutung des Judentums. Welches ist seine weltkulturelle Aufgabe? Sie ist gegeben in der Mitarbeit an der Weltkultur der Zukunft. Diese aber wird nichts anderes sein als die Verschmelzung des mittelalterlichen Ideals der Gebundenheit des einzelnen mit dem des 19. Jahrhunderts dem Ideal der schrankenlosen Freiheit des Individuums zu der höheren Einheit des sozialen Ideals. Was die Feinde Deutschlands Militarismus nennen, das wird unter Führung Deutschlands seinen Siegeszug antreten, der soziale Geist, der die Einzelpersönlichkeit achtet, ihr aber durch ihre Unterordnung unter die Gesamtheit ihre höchste Würde verleiht. Die erfolgreiche Mitarbeit des Judentums an dieser Weitkultur, die eben deutsche Kultur sein wird, ist zu erhoffen, weil zwischen Deutschtum und Judentum inbetreff der großen innersten Wesenstendenzen Verwandschaft besteht. Beiden ist das Dasein vor Allem eine Aufgabe, ein Beruf, eine Mission, ein Sollen. Auch die Gestaltung des nationalen Gedankens, die Auffassung des nationalen Daseins ist bei beiden die gleiche. Der Gedanke der Auserwähltheit zu einer Mission beherrscht das gesamte jüdische Denken von der Bibel bis zum heutigen 26