Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 394 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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394 ^on ^er weltkulturellen Bedeutung u. Aufgabe d. Judentums. Tätigkeit die Verbindung der neuzeitlichen Kultur mit der griechisch-römischen Antike gefördert, wie durch ihre Wanderungen die Nationalkulturen von einem Lande nach dem anderen vermittelt und so zur Herausbildung der Idee von einer Menschheit, die alle Nationen umfasse, beigetragen. So wurden sie der Träger und Wegbahner des modernen Geistes. Das Mittelalter kannte das Einzelindividuum überhaupt nicht. In den religiösen und sozialen Bindungen durch Kirche, Zunft, Stand und Geschlecht verschwand der einzelne völlig. Die Juden, denen jeder Zutritt zu den sozialen Körperschaften des Mittelalters verwehrt war, muhten die natürlichen Feinde dieser Bindungen und Vertreter der Idee der Einzelgeltung des Mensehen sein. Diese Propagierung des individualistischen Prinzips war aber nichts anderes als die Ausübung der Mission, Verbreiter der Ideen des alten Judentums zu sein. Denn das individualistische Prinzip, ethisch gefaßt, ist eine Folge des Menschheitsgedankens. Das moderne Judentum kann überhaupt nicht als einheitlicher Organismus angesprochen werden. Das Volk wird atomisiert. Das innere Solidaritätsgefühl erschlafft. Die einzelnen Juden schaffen nicht so sehr als Juden, sondern als Einzelindividuell oder als Angehörige der anderen Völker. Trotzdem wird man ein gemeinsames Merkmal wahrnehmen können, sie gehören überall der Opposition an, sie befinden sich überall im Lager der Reformer, der Revolutionäre. Nicht als ob die Juden von Natur aus radikal veranlagt wären. Es gibt wenig Völker, die in ihrem Wesen konservativer sind. Aber ihre oppositionelle Stellungnahme war dadurch bedingt, daß sie als Gegner der alten Gesellschaftsordnung in die europäische Kultur eintraten. Dazu kam die wurzellose seelische Situation, in die sie die Emanzipation hineinbrachte. Der moderne Jude besaß keinerlei Tradition. So stürzte er sich auf jede neue Riehtung1 die auftrat. Damit ist aber nicht gesagt, daß die Anteilnahme der Juden an der modernen Kultur schädlich gewirkt habe. Im Gegenteil die negativ-kritische Tendenz der jüdischen Kulturarbeit macht den tiefsten Sinn ihrer weltkulturellen Bedeutung