Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 390 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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390 W. Reymondt, ״Lodz, das gelobte Land“. sich, wenn all diese irregeleitete Intelligenz des Polenlandes in die richtigen Wege geleitet und dem unglücklichen Lande selbst nutzbar gemacht werden könnte. Welche Entwicklungsmöglichkeiten bieten sich, wenn der zukünftigen Generation, der sich die Schleusen europäischer Bildung frei auftun müßten, ein schöneres, glückhafteres Ideal deutscher Moralität und alter deutscher Kaufmannsehre, ein Hochziel preußischer Gewissensprägung und Unterordnung unter eine große gemeinsame Idee vor Augen geführt werden könnte. (Daß eine solche Freientfaltung keine Utopie zu bleiben braucht, zeigt z. B. die Ent- Wicklung der Judenheit Posens in den letzten 100 Jahren). — Doch wer weiß, wie fern wir diesem Ziele heute noch stehen, wo in der Feueresse von hundert Schlachten das Schicksal Polens noch geschmiedet wird. Einen Beitrag zum Verständnis der Psyche des Ostjuden kann uns dies Buch liefern. Wir können wieder einmal daraus die Lehre ziehen, daß jedes Land die Juden besitzt, die es verdient. Der Jude wird trotz seiner Eigenart, aber dank seiner unendlichen Anpassungsfähigkeit nur das, was zu werden ihn die Umgebung, die Mimikry, die Verhältnisse und Lebensbedingungen zwingen. Verfehlt ist daher die von überlauten Deutschfanatikern aufgestellte Behauptung von der natürlichen Minderwertigkeit oder gar Verderbtheit der ostjüdischen Moralität. Hier wird einfach Wirkung mit Ursache verwechselt. Als ob der Ostjude mit der Erbsünde des Schwindelgeistes belastet zur Welt käme! Als ob die moralische Fäulnis ein konstituierendes Merkmal dieser und künftiger Generationen wäre! Gebt ihnen andere Lebensgrundlagen (hier oder in Polen1), Licht, Freiheit, Gleichberechtigung, wendet das Mißtrauen von ihnen, nutzet ihre Intelligenz, und ihr sollt es erleben, daß unter der neuen Schutzfarbe ein edleres, ein neuertüchtigtes Geschlecht, eine neue Zeit, eine neue Menschheit erblühen wird. 1) Die kurzsichtige Auffassung Lauers, eines Nationalpolen, der die Juden fast als ,,Nationalunglück Polens“ hinstellt (Preußische Jahrbücher, Band 162, p. 295) hat N. Goldmann an derselben Stelle in einem treffenden Artikel in die richtigen Grenzen gewiesen.